Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Die Bibel als Erzähler
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 482 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895550-2905721--08567-2905764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Martin Buber: Die Bibel als Erzähler Leitwortstil in der Pentateuch-Erzahlung1) Unter Leitwort ist ein Wort oder ein Wortstamm zu verstehen, der sich innerhalb eines Textes, einer Textfolge, eines Textzusammenhangs sinnreich wiederholt: wer diesen Wiederholungen folgt, dem erschließt oder verdeutlicht sich ein Sinn des Textes oder wird auch nur eindringlicher offenbar. Es braucht also nicht dasselbe Wort, sondern nur derselbe Wortstamm zusein, der wiederkehrt; durch die jeweiligen Verschiedenheiten wird sogar oft die dynamische Gesamtwirkung gefördert. Dynamisch nenne ich sie, weil sich zwischen den so aufeinander bezogenen Lautgefügen gleichsam eine Bewegung vollzieht: wem das Ganze gegenwärtig ist, der fühlt die Wellen hinüber- und herüberschlagen. Die maßhafte Wiederholung, der inneren Rhythmik desTextes entsprechend, vielmehr ihr entströmend, ist wohl überhaupt das stärkste unten allen Mitteln, einen Sinncharakter kundzutun, ohne ihn vorzutragen; und ob es sich um die eigentliche Wortwiederholung („Paronomasie") handelt, die innerhalb eines einzelnen syntaktischen Zusammenhangs erscheint, ob um eine weiter gemeinte, die Alliteration und Assonanz umfaßt, oder aber um die „distantielle", über einen größeren Textraum hin wirkende, immer kann sie über den ästhetischen Wert hinaus — den wir in klassischer Erscheinung etwa aus dem Stabreim der älteren Edda kennen — einen besonderen, durch nichts zu ersetzenden Äußerungswert gewinnen. Dieser besondere Äußerungswert besteht darin, daß der zu äußernde Sinn sich nicht in einem didaktischen Zusatz, also ohne Sprengung oder Entstellung der reinen Gestalt darstellt. Vorausgesetzt ist dabei somit, daß eine solche Gestalt, eine geschlossene Kunstform vorliegt, zugleich aber, daß ein Sinn, eine Botschaft zur Mitteilung gelangen soll, die über alle Kunst hinausreicht, die sich dieser Kunstform also nicht, wie eben einem Gedicht seine Bedeutung, ohne jedes Sondermittel einträgt, sondern ihrem Wesen nach sich einen eigenen Ausdrucksweg bannen muß. Nirgends ist diese Voraussetzung so gegeben, wie wenn die strenge geschlossene epische Form und eine vom niederfahrenden Geist durchwehte „religiöse" Botschaft aufeinandertreffen. Dies aber ist wohl nirgends mit so eigentümlicher Gewalt geschehen wie in der Erzählung des Pentateuchs. Die Strenge der Form entx) Aus einem Vortrag von Anfang 1927. 482