Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 479 (sequence 3)
- Language
- German
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Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung Welt klingen vertraute Empfindungen wieder. Aber während die Frau dieser seelenhaften Verschlingung der Dinge mit ihren rational nicht auflösbaren Vorahnungen, Mitschwingungen, Nachklängen dauernd verknüpft bleibt, erlebt der Mann sein eigentliches Wesen im Akt der Begeistung. Der Mensch ist das begeistende, d. h. in den Geist der Dinge eindringende, sie mit Geist begabende Wesen. Wiederum reißt das eine Kluft zwischen ihm und dem Tier auf, und zwar eine größere als die erste. Denn dreifach realisiert sich der Akt der Begeistung. Begeisten nämlich meint erstens, sich dem Sein der Dinge zuwenden, seinserfassend und seinsschaffend. Auch das Tier lebt im Sein, aber handelnd und leidend. Allein dem Menschen ist es gegeben, sich aus dem circulus vitiosus des Wirkens und Leidens zu lösen und sich dem Sein als solchem zuzuwenden. Er vermag Distanz zu nehmen, so daß er die Dinge ihrem Seinscharakter nach erfaßt. So dringt er in Seinsbereiche ein, die dem Tiere völlig verschlossen sind: Bereiche der Möglichkeit, Bereiche des transcendenten Seins. Der Akt des Begeistens ist aber zugleich ein Akt des Sinnerfassens. Der Mensch ist das sinnerfassende und sinnschaffende Tier. Nur er fragt nach dem Sinn. Auch das Tier lebt in sinnvollem Handeln. Wirft man den Möven Brot zu, blitzschnell „erfassen" sie es, im Schwünge sich herabsenkend, in einem Akt, der sinnvolles Begreifen und körperliches Ergreifen unlöslich verbindet. Aber der Mensch erfaßt den Sinn als Sinn. Er verleiht den mechanischen Handlungen, dem Ausstrecken eines Armes oder einem Stück Holz eine symbolische Bedeutung. Diese Sinngebung verwandelt sich in Werterfassung und Wertgebung in dem Momente, wo die erfaßte Bedeutung in Beziehung gesetzt wird zu dem inneren oder äußeren Nutzen, den sie für das erfassende Individuum haben kann. Auch das Tier kann ohne Wählen und Werten nicht leben. Aber der Mensch ist wiederum das einzige Wesen, das Werte als Werte erfaßt, das Werte erschafft, zerstört, auflöst, das umwertet, das sich den Werten als solchen zuwendet und in dieser Zuwendung in Wertbereiche eindringt. Es ließe sich denken, daß die Tiere einzelne dieser Akte vollzögen, daß ein in den Wolken schwebender Adler zur Seins-, ein dressierter Hund zur Sinn-, eine Katze zur Werterfassungvordränge; doch niemals würden sie sie zusammen vollziehen, niemals würden sie sie bis zum Absoluten steigern können. Werden aber diese Akte bis an ihre absolute Grenze gesteigert, steigt die Beseelung über die der einzelnen Gegenstände hinauf zur Beseelung des Alls, dringt die Seinserfassung über das Ergreifen eines einzelnen Gegenstandes oder einer Sphäre von ihnen zum Erfassen des Seins selbst vor, übersteigt die Sinnerfassung einzelne Kreise 479