Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 478 (sequence 2)
- Language
- German
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Fritz Heinemann Um zwei Zentren, die ihrerseits wieder von einem tieferen Zentrum abhängen, kreist das Problem, das alle wirtschaftlichen, sozialen, politischen, religiösen, geistigen Erscheinungen dieser Zeit bestimmt, das der Krisis oder der Katastrophe des Menschen. Ob wir es zugestehen wollen oder nicht: das Faktum dieser Katastrophe beherrscht die Situation in allen Ländern, Schichten, Religionen, Staaten des Abend- und Morgenlandes. Die unentrinnbare Frage lautet: Untergang oder Wiedergeburt? Man kann jedoch diese übermenschliche Frage nur dann fruchtbar behandeln, wenn man sie beschränkt auf Einzelprobleme wie das der Wiedergeburt des Geistes. Wie kann der Geist durch diese Krise sich durchhalten? Sind die Angriffe des 19. Jahrhunderts gegen ihn berechtigt? Welche seiner Formen müssen zugrunde gehen? Welche sind zu erneuern? Wie muß der Geist sich umbilden? Welche fundamentalen Umwandlungen haben die Begriffe des Wissens, der Wissenschaft, der Philosophie, der Metaphysik zu vollziehen? Sind vielleicht neue Wissenschaften auszubilden? Mit diesem Problem hängt unmittelbar das zweite zusammen. Denn die Krisis des Menschen beruht nicht nur darauf, daß seine Fähigkeit des Begeistens, sondern ebenso darauf, daß seine Fähigkeit, die Welt in Erscheinung zu verwandeln, gestört ist. So entsteht das Problem einer neuen Phänomenologie. Eine Sonderfrage in diesem Zusammenhang ist die Phänomenologie des jüdischen Geistes als einer Lehre von seinen Erscheinungsformen und von der Art, in der der jüdische Mensch die Welt in Erscheinung verwandelt. Im Zeitalter der Krisis, ja der Katastrophe des Menschen ist unser Problem je und je der Mensch selbst. Das gilt für die beiden Fragenkomplexe, in deren einem der Mensch als begeistendes, in deren anderem er als die Welt in Erscheinung verwandelndes Wesen studiert wird. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist ein Grundgefüge von Akten, die, miteinander auftretend, auf eigenartige""Weise untereinander verknüpft sind, jeder dieser Akte ist spezifisch menschlich; indem jedoch der eine oder der andere von ihnen gesteigert wird, entsteht jeweils ein neues Bild des Menschen. Ein solcher Akt ist etwa der der Beseelung. Der Mensch ist das beseelende Tier, d. h. ein Tier, das Seele erfaßt, das über die Außenseite der Dinge zu ihrem Innern vordringt und es in seiner Innerlichkeit begreift. Nicht als ob es nicht auch ein natürliches Verstehen, eine Mitteilung, wenn man will, eine Sprache unter den Tieren gäbe, aber diese Umkehrung der Betrachtung, diese Entwertung des Äußeren, seine Benutzung als bloßer Ausdruckswert oder Mitteilungsform für ein Inneres vermag das Tier nicht zu vollziehen. Denn der Mensch erfaßt nicht nur Seele, sondern er ist begabt mit Seele. Jede primitive Kultur bezeugt das tausendfach. Da erhält alles eine Seele, die Steine, Pflanzen, Berge, Flüsse, Gestirne, Himmel, und aus der entferntesten, kältesten, leeren 478