Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 477 (sequence 1)
- Language
- German
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Fritz Heinemann: Urformen jüdischen Geistes. Der Akt der Heiligung Vor einigen Monaten wurde an dieser Stelle die Aufgabe einer Phänomenologie des jüdischen Geistes als eine Zusammenschau alles dessen formuliert, was der jüdische Geist in seinem Gang durch die Geschichte hervorgebracht hat, seinen Grundformen, Grundgestalten, Grundstrukturen nach, damit so die spezifische Art erkennbar werde, in der der Jude die Welt in Erscheinung verwandelt und in dieser Verwandlung begeistet. Eine solche Analyse würde zugleich das spezifische Gestaltungsgesetz sichtbar machen, das alle diese Gebilde trägt, und einen Einblick in das Werden des Selbstbewußtseins des jüdischen Volkes gewähren. Eine derartige Problemstellung kann nur dann fruchtbar werden, wenn sie zentral gefaßt wird, d. h. wenn sie kühn genug ist, nach dem Urakt zu fragen, in welchem sich ein für alle Mal der jüdische Geist kon-. stituiert hat. Denn es gilt für den Geist, was für die lebendige Natur gilt: Leben und Geist sind frei, die Grundform zu wählen, in der sie erscheinen wollen; haben sie jedoch einmal die Wahl vollzogen, haben sie sich in ihr selbst gewählt, so tritt in dem Wandel der Zeiten diese Urform wieder und wieder hervor, und es steht ihnen nur noch frei, Variationen über dieser Grundform zu erdichten. So wiederholt sich, ist sie einmal gefunden, die Grundform der Pflanze oder des Tieres in ungemessenen Variationen. Schon indem wir die Aufgabe formulierten, erkannten wir: der Grundakt dieser Geistesgeschichte ist nicht das Erkennen (es ist darum unmöglich, das Reich dieses Geistes in ein Erscheinungsreich der Idee der Wahrheit zu verwandeln, wie Hegel es in seiner „Phänomenologie des Geistes" in grandios-gewalttätiger Weise mit der europäischen Geschichte tat); er ist ebensowenig das praktische Handeln, wie in einer möglichen Geschichte des römischen oder englischen Geistes; er ist endlich nicht das künstlerische Schaffen, so daß die Schöpfungen dieses Geistes Offenbarungen der Idee der Schönheit wären. Was aber ist dann der Grundakt, in dem sich der jüdische Geist konstituiert, und welches ist das Grundprinzip, das die jüdische Geistesgeschichte wirklich durchsichtig macht? 477