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Der Morgen · 1936-02-01 · Heft 11 (Februar 1936) · p. 475

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 11 (Februar 1936)
Article
Lösung der Judenfrage?
Date
1936-02-01
Page
475 (sequence 3)
Language
German
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Lösung der Judenfrage? führen. Jedoch: Lösung der Judenfrage? Kann — auch wenn man einmal von den unendlichen, im Augenblick wieder besonders akuten Schwierigkeiten absieht, die in Palästina selbst der Aufnahme so gewaltiger jüdischer Massen im Wege stehen — von einer Lösung der Judenfrage in diesem Zusammenhange überhaupt gesprochen werden? Das könnte vielleicht geschehen, wenn es sich bei dem Experiment, das der Zionismus in Deutschland zu demonstrieren beabsichtigt, wirklich um den Ablauf physikalischer oder chemischer Vorgänge handelte; denn im Bereiche der naturgesetzlichen Kausalität kann vom Teil auf das Ganze unter bestimmten Voraussetzungen geschlossen werden. Anders steht es jedoch in der begrifflich nur schwer zu fassenden wogenden Menschenwelt, wo das Schicksal einer Gruppe für die Gesamtheit nur wenig oder nichts besagt. Selbst wenn das außerordentlich Unwahrscheinliche Tatsache werden sollte, daß das Judentum in Deutschland zionisiert und in allen seinen Schichten allein auf Palästina ausgerichtet werden könnte, so hätte man sich der Lösung der Judenfrage damit noch um keinen Schritt genähert. Denn so verhält es sich in Wirklichkeit mit der Lösung der Judenfrage: dem Teil-Experiment, und sei es noch so umfassend und fehlerfrei, wohnt keine Beweiskraft inne. Gelingt es scheinbar hier, so flackert dort verstärkt die Judenfrage auf. Eine individuelle Gruppenverpflanzung aus Deutschland nach Palästina — wäre sie selbst möglich und wünschenswert — geschähe auf Kosten der jüdischen Welt Osteuropas, für die sie nicht Lösung, sondern verhängnisvolle Verschärfung ihrer Lebensumstände bedeuten würde. Und so muß es immer und überall sein: es gibt keine Lösung der Judenfrage, solange es Juden gibt, es sei denn, wir hätten Lust, sie mit einem ungeheuerlichen Verlust an jüdischer Substanz zu bezahlen. Die Judenfrage beginnt und endet mit dem Dasein von Juden überhaupt. Wäre sie nicht aufgebrannt, einzigartig und gewaltig, als das jüdische Volk am Sinai in die Geschichte eintrat, so wäre sie mit seiner nationalen Daseinsform schon längst dahingegangen. So aber wurde sie sein seelig-unseeliger Begleiter, großartige Leistungen emportürmend an dem immer drohenden Abgrund. Der Zionismus ist ein großer und edler Gedanke, Palästina ist eine Zuflucht und eine wesentliche Hoffnung jüdischer Zukunft. 475

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