Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Lösung der Judenfrage?
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 476 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lösung der Judenfrage? Aber beides bringt nicht und soll nicht bringen: die Lösung der Judenfrage. Immer wird es und soll es auch die anderen jüdischen Lebensbezirke geben, denen ihr Dasein inmitten der Welt, ihre Durchtränkung mit allen Schätzen des Geistes und der Kultur zugleich Grundlage und Ziel ist. Solange diese Bezirke jüdisch sein werden, wird in ihnen die Judenfrage nicht zum Schweigen kommen. Und solange die Judenfrage nicht schweigt, werden in ihnen Antworten auf die Judenfrage gehört werden, die das Judentum vorwärtsbringen und bereichern. Wir sind auf unserm Wege durch die Welt nicht nur auf die Inseln der Sicherheit angewiesen, sondern auch auf die Zonen der Gefahr. Denn aus der Gefährdung allein, aus dem ständigen Prozeß von Absplitterung und Wiederbesinnung können uns die Kräfte zuwachsen, deren auch eine neue jüdische Gemeinschaft in Palästina nicht entraten kann. Wenn es aber um die sogenannte Lösung der Judenfrage so bestellt ist, wenn sie wirklich nur „ein Traum ist und nicht einmal ein schöner", dann gewinnt all das aufgeregte Getriebe um Führung, Bekehrung und Totalität um uns herum ein anderes Gesicht Wir müssen es ernst nehmen, uns ihm stellen und es zu gestalten versuchen — in der Ebene, die ihm gemäß ist. Wir sollen auch den ihm innewohnenden einheitlichen Sinn, so wie wir ihn zu deuten versuchten, enthüllen und ihm widerstehen. Aber wir sollen uns nicht von ihm überwältigen lassen. Es geht, wie wir sahen, um ein Experiment, das man für entscheidend hält. Das erhitzt die Köpfe und stählt die Hände und läßt es hoch hergehen in Sitzungen und Redaktionsstuben. Aber die Wirklichkeit läßt sich weder in Vereinsbeschlüsse noch in Zeitungsspalten einzwängen. Sie widersetzt sich der Totalität einer „Lösung" und bietet um so mehr Raum für die jüdische Gemeinschaftsplanung und -arbeit der Gegenwart. Es ist die beste Rechtfertigung unserer in Zwist und Bruderkampf scheinbar so schwer verrannten Gemeinschaft, daß trotz Resolutionen und Drohungen die Arbeit weitergeht. Das Notwendige setzt sich durch. Nie darf es dazu kommen, daß um der Vollstreckung eines Parteianspruchs willen, von welcher Seite er auch komme, einem einzigen hilfsbedürftigen Menschen weniger wirkungsvoll oder gar überhaupt nicht geholfen wird! Nie darf die „Lösung der Judenfrage" zu einer Lösung von den Fragen der Juden führen. E. R.-J. 476