Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Lösung der Judenfrage?
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 474 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lösung der Judenfrage? die gesteigerte Pflicht zu Frage und Tat: zur Frage, ob überhaupt inmitten der hoch aufbrandenden Wellen der innerjüdischen Flut ein Fleckchen noch geblieben ist, auf dem Gemeinschaftsarbeit geplant werden kann, und zur Tat der entschlossenen Verwirklichung, sofern diese Frage bejaht wird. Worum geht der Kampf? Eine wissenschaftliche Analyse, die mit Zahlen und scharfsinnigen Beweisketten die angebliche Unausbleiblichkeit bestimmter Schlußfolgerungen auf dem Papier errechnet hatte, ist in das Stadium des Experiments getreten. Mit anderen Worten: die zionistische Diagnose der Judenfrage hat sich über ihre Fähigkeit auszuweisen, das Leben nach ihrer Lehre zu gestalten. Aber es handelt sich nicht um ein chemisches Experiment, dessen unveränderliche Bestandteile im Reagenzglas zu gesetzmäßiger Einwirkung miteinander in Verbindung gebracht werden. Die Bestandteile sind vielmehr veränderliche Menschen und Menschengruppen, der Ort der Begegnung ist von einer Fülle unberechenbarer Einflüsse nicht zu isolieren, und die Ergebnisse sind dementsprechend unsicher und schwer im voraus zu "bestimmen. Weil nun aber die Erfinder und Anhänger der wissenschaftlichen Analyse, also in unserm Falle die Vertreter der zionistischen Auffassung von der Lösung der Judenfrage, das Gelingen des lebendigen Experimentes zur Erhärtung ihrer papiernen Theorie brauchen, deshalb suchen sie die Bedingungen zu beeinflussen, unter denen es vor sich geht: sie gestalten die Wirklichkeit so um, wie sie den vorausgesagten Ablauf der Tatsachen besser zu gewährleisten verspricht. In diesem Sinne ist der Durchsetzungstrieb des Zionismus im heutigen Judentum Deutschlands zu verstehen. Ob es sich darum handelt, den einen Jugendbund zur Chaluziut zu führen, den andern um der Begründung willen, die er seinem Entschluß zur Auswanderung in Länder außerhalb Palästinas gegeben hat, zu bekämpfen, oder ob die zionistische Vereinigung sich zur allein verantwortlichen Trägerin der jüdischen Arbeit in Deutschland deklariert — immer sollen damit die realen Voraussetzungen so zurechtgerückt werden, daß das entscheidende zionistische Experiment gelingt: man will das aus der Kultur seiner Umwelt mit Erfolg ausgegliederte Judentum in Deutschland als ein maßgebliches Beispiel vor der Welt der Lösung der Judenfrage in Palästina entgegen- 474