Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Hugo von Hofmannthals Jugendbriefe [Rezension]
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 471 (sequence 2)
- Language
- German
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schiebst. Lies es doch als eine ,G'schicht', es ist um Gottes willen nichts anderes. Auch wenn ich Philosophie studieren will, mein' ich ja etwas höchst Weltliches, mein' ich, daß mir die Beamtenkarriere zu wenig direkte Einsicht in die Weltverhältnisse zu versprechen scheint: Geographie möcht ich lernen und gleichzeitig in der Burg Regie führen und gleichzeitig von Dir ein bißl das kaufmännische Wesen. Die Zusammenstellung der drei Dinge ist ganz ernst gemeint. Wenn mir, was Du Philosophie nennst, so sehr am Herzen läge, wäre ich wohl Theolog geworden, und mit der Zeit vielleicht Schismatiker. So aber steh ich ganz auf dem Goetheschen: Natur hat weder Kern noch Schale — alles ist sie mit einem Male/' Der Kreis der Freunde bei Hofmannsthal umfaßt zunächst seine intimen Duzfreunde, meist junge Herrn aus dem höheren österreichischen Adel im gleichen Alter, mit denen zusammen er aufgewachsen ist; Leopold von Andrian-Werburg ist der einzige Dichter in diesem Kreise, Hofmannsthal durch Abstammung nicht fernstehend; er ist mütterlicherseits ein Enkel Meyerbeers, vom Vater her aber aus altem österreichischem Adel. Seine persönliche Vorliebe für den Adel hat Hofmannsthal stets beibehalten; dieser Teil der Briefe zeigt vielleicht die menschlich feinsten Züge des Dichters. So schreibt er an Baron Karg einmal: „Warum ich Dich gern hab', kann ich sehr schwer kurz und klar sagen; wenn Du mehr Menschen kennen würdest, verstündest Du's von selber: nicht gemein sein, ist sehr etwas Großes und wie schon im Sinne liegt, sehr etwas Seltenes." Im Verkehr mit den jungen adligen Freunden herrscht das vertraute „Du" vor, die literarischen Freunde werden mit dem konventionelleren „Sie" angeredet; dies ist eine bemerkenswerte Nuance. Unter diesem literarischen Kreis, der sich in dem berühmten Wiener Literaturcafe Griensteidl um den Dichter scharte, finden sich neben dem Proteus der Wiener Literatur, Hermann Bahr, auch drei Namen jüdischer Gestalter, die mit dem Spätimpressionismus untrennbar verbunden sind: Schnitzler, Beer-Hofmann und Felix Saiten. Hof mannsthal selbst steht zu jüdischen Dingen in keinem eigentlichen Verhältnis. Eine These wie die von Willy Haas, daß man in der impressionistischen Geisteshaltung des Dichters etwas spezifisch Jüdisches sehen sollte, erscheint höchst gewagt, da es sich hierbei um Zeit- und Generationsprobleme handelt. Fraglos verdankt aber Hofmannsthal diesen jüdischen Menschen, die bewußte Juden in Werk und Gedankenwelt waren, zahlreiche Anregungen und jene gute Arbeitskameradschaft, die den jungen und wenig gefestigten Künstlern der Neuromantik so dringend not tat. Der Kreis steht in enger Fühlung miteinander, man spricht in den Briefen von neuen Werken und Problemen, unternimmt gemeinsame Reisen, veranstaltet Lesepremieren; eine reizende, märchenhaft verbrämte Schilderung davon findet sich in dem im der „Nachlese" veröffentlichten Prolog zum „Tor und Tod". Es sind freilich nur die geistigen Spitzen der Wiener jüdischen Literatenschicht, mit denen Hofmannsthal verkehrte,während er viele der kleinen Skribenten, wie wir aus einzelnen Zeugnissen wissen, scharf ablehnte. Am geschlossensten 471