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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 470

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Hugo von Hofmannthals Jugendbriefe [Rezension]
Date
1936-01-01
Page
470 (sequence 1)
Language
German
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Hugo von Hofmannsthals Jugendbriefe Man hat Hugo von Hofmannsthal zeitweilig als Juden bezeichnet. Doch diese Meinung entspricht den Tatsachen insofern nicht, als der Dichter nur zu einem Viertel jüdischer Abstammung ist. Andererseits gehört er unmittelbar in eine Literaturperiode hinein, die stark von jüdischen Menschen geformt worden ist, den Wiener Spätimpressionismus, der zur Neuromantik übergeht. Schnitzler, Beer-Hofmann und Saiten, drei wesentliche jüdische Dichter dieses Kreises, gehören zu den persönlichen Freunden Hofmannsthals; ihnen gelten zahlreiche von den Briefen, die in der neuen Publikation einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden (S. Fischer Verlag). Die umfassende Auswahl aus den Briefen Hugo von Hofmannsthals, deren erster Band soeben vorliegt, umfaßt die Jahre 1890—1901 und stellt uns das Bild des jungen Dichters in seiner schillernden Vielfalt seltsam eindringlich vor Augen. Die Briefsammlung stellt eine weitere Ergänzung zum Gesamtwerk Hugo von Hofmannsthals dar, das bei seinem Tode im Jahre 1929 nur als Torso vorlag und seither in immer neuem Reichtum vor die Öffentlichkeit kam. Wenn der „Loris"-Band der gesammelten Jugendessays für die Belesenheit und Urteilsfähigkeit des jungen Menschen, die „Nachlese" für die Fülle und Buntheit seiner künstlerischen Formkraft zeugten, so lassen die Briefe den jungen Dichter in seinem privaten Dasein, im Verkehr mit den Freunden und Altersgenossen sehen: es ist ein lebendiger, jungenhafter und blutvoller Mensch, dem nichts von der Treibhausatmosphäre frühreifer Wunderkinder anhaftet. Die Gestalt strahlt einen schalkhaften und zugleich ein wenig melancholischen Charme aus und wird zu einer der liebenswertesten Erscheinungen des österreichischen „fin du siecle". Der Kreis der wesentlichen Briefempfänger besteht aus den Eltern, literarischen Bekannten und jungen Freunden aus dem Adel. Während der gewöhnlichen Wiener Aufenthalte werden meist nur wenig Briefe von wesentlichem Inhalt gewechselt. Man kann einander ja täglich sprechen. Anders steht es schon während der alljährlichen Sommerreisen nach Strobl am Wolfgangsee und in die Fusch, in denen reichlich Zeit und Muße zum Brief schreiben vorhanden ist. Den Höhepunkt der Briefe aber bilden die Militärdienstzeit und die darauffolgenden alljährlichen Waffenübungen, die einen längeren Gedankenaustausch mit den Freunden auslösen. Aus den Briefen an die Eltern wird das Verhältnis zu ihnen deutlich. Neben starkem Abstand herrscht doch eine vertraute Atmosphäre der Sorgfalt und der kleinen alltäglichen Beichte vor. Der Vater ist der bedeutendere Teil in der Ehe, mit ihm kann der Dichter auch über künstlerische Fragen und die Gestaltung seiner Zukunft reden, während die Korrespondenz mit der Mutter sich in Alltagsfragen erschöpft. So schreibt er einmal an den Vater, als es sich um Berufspläne und künstlerische Arbeit handelt: „Nur kränkt es mich, daß Du meine Dichterei mit Philosophie, was in Deinem Ton offenbar abstrakte Spekulation bedeutet, so zusammen- 470

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