Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Juden als Übersetzer
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 460 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Lutz Weltmann kommt, etwa Franz Werf eis Nachdichtung der „Troerinnen" des Euripides; die Nachdichtungen Alfred Neumanns (unter denen sich weit glücklichere Schöpfungen finden als die angeführte Verlaine-Probe) halten die Mitte zwischen beiden Möglichkeiten: er folgt dem Drange, Wertvolles) in deutscher Sprache nachzuformen und schöpft andererseits aus einem Kulturbereich, dem das eigene Schaffen zur Zeit verhaftet ist; Karl Wolf skehl aber, dem es gelang, die Prosa des französisch schreibenden Flamen de Coster so zu gestalten, daß man über diesem Deutsch nicht nur die Tatsache einer Übersetzung aus dem Französischen vergißt, vielmehr noch in die flämische Schicht unter dem Französisch de Coslers eingedrungen zu sein wähnt, setzt Rilke insofern ins Unrecht, als er imstande war, auch eine Sprache in eine nah verwandte umzugießen: die ältesten deutschen Dichtungen ins Neuhochdeutsche. Rainer Maria Rilke, der, wo es sich um die Betrachtung von lyrischen Dichtungen wie von Nachdichtungen handelt, heute den brauchbarsten Hintergrund abgibt, konnte am besten in Gegenden schaffen, in denen nicht deutsch gesprochen wurde: dort war er am sichersten, das lyrische Wort, das ebenso das Material des Gedichts bildet wie die Farbe das für den Maler, von dem banalen Wortsinn bloßer Mitteilung, der Sprache als Verständigungsmittel freizuhalten. Als er aber im Wallis mit den „Duineser Elegien" als Lyriker sein letztes Wort gesprochen hatte, geschah es, daß er auf einmal vollkommen absichtlos in französischer Sprache dichtete: der Dank an die französisch sprechende Umgebung, der er das Abschließen-können seines „Hauptgeschäfts" — um den goethischen Ausdruck zu gebrauchen — zuschreibt, hatte sich in diesen Antrieb und diese Fähigkeit umgesetzt. Man ist versucht, eine Parallele zwischen diesem Phänomen und der Tatsache, daß Juden überhaupt in deutscher Sprache gedichtet und nachgedichtet haben, zu ziehen. (Aber der jüdische Fall hegt einfacher: man braucht nur an das Griechisch Philons und Josephus', an das Arabisch des Maimuni zu erinnern.) Mit Recht wurde früher einmal festgestellt, daß der Jude, der deutsch schreiben wollte, bemüht gewesen sei, besonders gut zu schreiben: in der Sprache suchte er zuerst ein Heimatrecht. Im Lichte dieser Fragestellung erscheint uns heute das Werk und zumal das Ubersetzungswerk Rudolf Borchardts, dem wir neben herrlichen Nachdichtungen Swinburnes und Pindars die endgültige Erschließung von Dantes „Commedia" und „Vita nuova" verdanken. Während Wassermann das Problem seines Lebens, welches das Problem unseres Lebens geworden ist, herausstellte, hat Borchardt es in sich verschwiegen und sich mit um so größerer Inbrunst der deutschen Sprache bemächtigt. Es ist nicht so widersinnig, wenn dieser Mann rein jüdischer Herkunft Dante in einer dem Mittelhochdeutschen angenäherten Sprache wiedergibt (die übrigens, liest man sie laut, durchaus klar und „verständlich" ist): denn Borchardt prägt diese blühende junge Sprache in ein Deutsch um, das noch blühte, ehe die Kanzlei jene Einheits-, jene Gebrauchssprache schuf, aus der das Schriftdeutsch hervorgegangen ist. Im Italienischen Dantes war die Alpenland- 460