Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Juden als Übersetzer
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 459 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lutz Weltmann: Juden als Übersetzer Tönt Im trüben Mond, Welcher steigt durch die schwere Stumme Nacht auf und schwebt — Und im Wind, Welcher anrührt meinen fröstelnden Baum Und darin Den schluchzenden Vogel." Von der Vrings Übertragung ist sagbarer, freilich durch Verzicht auf den Reim, die Neumanns treuer: der von Hause aus — im Gegensatze zu von der Vring — unlyrische Alfred Neumann arbeitet auch als Übersetzer mit den Mitteln des Epikers, dem eine stärkere Bildhaftigkeit gemäß ist. Ein Vergleich mit Stefan Georges Verlaine-Übertragung ist nicht angemessen, denn diese steht auf einer früheren Entwicklungsstufe; so gibt erst die „Technik" des Übersetzens, auf der die neuen Übersetzerleistungen von Nichtjuden wie Rilke (Michelangelo, Valery, Barrett-Browning), Schroeder (Homer, Racine) und Juden wie Borchardt (Pindar, Dante, Swinburne), Gundolf (Shakespeare), Stefan Zweig (Verhaeren), Alfred Wolfenstein (Verlaine, Shelley, Rimbaud), Hedwig Lachmann (Whitman), Martin Buber (Bibel und „Überholung" einer älteren Kalewala-Übersetzung) und Franz Rosenzweig (Bibel, Jehuda Halevi) fußen, einen Maßstab. Das Problem des Juden als Übersetzers liegt ähnlich wie das des Juden als Literaten: in seiner Begabung für das Mittlertum. Die große Zahl der Juden unter den Übersetzern erklärt sich aus der Verwaltung und Umsetzung solchen Erbes aus ihrer Geschichte. Julius Elias war als Mittler Björnsons und Ibsens tätig, Trebitsch für Shaw, Meyerfeld für Wilde, Schalit für Galsworthy, Fulda übersetzte Moliere und Rostand, Ehrenstein chinesische Lyrik, von Alexander Eliasberg und Raphael Löwenfeld stammen wesentliche Übersetzungen aus dem Russischen, um nur die Wichtigsten zu nennen. Ein zweites könnte hinzukommen: die Begabung des Juden als Nachschöpfer. Charakterisiert doch Wolfenstein seine Verlaine-Übertragung dahin, sie wäre, „wie wenn man mit der eigenen Hand anderer Musik spiele", und nimmt damit für das dichterische Nachschöpfen den Rang des Schöpfertums in Anspruch. Doch in dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Dichtern: dafür wechselt der Anteil des Schöpferischen und des bloß Nachgeformten zu sehr. Rilke z.B. hat von seiner Barrett-Browning-Übertragung gesagt, daß die Sonette „Gefühle in ihm selbst aufriefen", so daß ihre Übertragung „selbständig gültig" sei und eine „Stelle unter seinen eigenen Arbeiten beanspruchen" dürfe, während er sich gegen die Unterstellung verwahrte, er wolle in seiner Übertragung der Sonette Michelangelos sich selber ausdrücken, und das Nichtzustandekommen seiner Gezelle-übersetzung darauf schob, daß die deutsche Sprache und die flämische einander zu verwandt seien. Es gibt entsprechende Beispiele innerhalb der Übersetzertätigkeit von Juden: dafür, daß der Stoff ebenso zum Übersetzer wie zum Dichter 459