Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Juden als Übersetzer
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 461 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden als Übersetzer schaft eingeschmolzen und jenes quicke Mittelalter, das sich im Süddeutschen (und, was würde Borchardt dazu sagen?, im Jiddischen) erhalten hat. Darum findet Borchardt für seine Dante-Übertragung ein mittelalterliches Deutsch süddeutscher Färbung angemessener als ein modernes Hochdeutsch. Gewiß — ein Gedanke ist bis auf die Spitze getrieben, aber es ist nichts anderes, als wenn ein Rilke in seiner Lyrik verschollene deutsche Worte wieder zu beleben versucht, um die aus dem Kanzleistil erwachsene Umgangssprache zum Blühen zu bringen. Seltsam genug, wenn man nicht etwa an die Gleichheit der Generation denkt, finden sich in Borchardts Rechtfertgung sener Dante-Übertragung Berührungspunkte mit Alfred Wolfenstein und Franz Rosenzweig. Wie Borchardt nicht nur nicht lesbarer sein will als das italienische Original, sondern stets daran erinnern, daß es sich um ein Werk des europäischen Mittelalters handelt, so spricht Wolfenstein in seiner preisgekrönten Rimbaud-Übersetzung davon, daß Rimbaud „auch in jeder anderen Sprache Original bleiben will", und Rosenzweig polemisiert geradezu gegen eine andere, „leichtere" Jehuda Halevi-Übertragung, er wolle mit der seinigen keineswegs vergessen machen , daß wir einen hebräisch schreibenden Dichter vor uns haben. Merkwürdig ist die Stellung beider zu Heinrich Heine. Rosenzweig verteidigt sein Deutsch gegen Leser, die beim „Buch der Lieder" stehen geblieben seien; Borchardt nennt Heine zwar im Vergleich zu Dante einen „Rhetorosophisten", aber an einer Stelle seiner „Epilegomena zu Dante" sagt er von der Romantik, daß sie „fast nirgends so sättigend und essentiell wirke wie in gewissen Gedichten Eichendorffs und sogar Heines, die nicht mehr wie Novalis die Welt ausdrücken wollen, sondern die von der Romantik ausgedrückte Welt und die Romantik selber". Hat Borchardt einmal gesagt: „Es ist das Recht der Welt, zu vergessen, aber die Pflicht des Dichters, zu gedenken", so hat Willy Haas mit Recht dazu bemerkt, Borchardt habe das Recht der Welt, zu vergessen, für sich und sein Judentum in einem nicht unerheblichen Maße als sein eigenes Recht in Anspruch genommen. Aber die Intensität einer Leistung wie der Rudolf Borchardts weist uns Heutigen die Aufgabe zu, über der Gewinnung eines jüdischen Standortes nicht die Weltaufgeschlossenheit zu verlieren. Was ein Borchardt zu wenig Jude ist, werden wir vielleicht zu ausschließlich. Und als ein Tor aus dem Ghetto sehen wir auch Alfred Neumanns Nachdichtungen an, von denen diese Betrachtung ausgegangen war. Das DezembeAeft eitfhieli u. a.: Siefan Kayser, Möglichkeiten eines jüdischen Stils / Oskar Guttmann, Zum Neuaufbau des jüdischen Musiklebens / Artur Holde, Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik? / Heinz Warschauer, Judäa und die Welt Im FebruCtrh.eft schreiben u.a.: Fritz Heinemann, Grundgedanken jüdischer Philosophien: Die Heiligung G. Tergit, Palästinensische Skizzen / M. Y. Ben-Gavriel, Die Araberfrage 461