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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 458

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Juden als Übersetzer
Date
1936-01-01
Page
458 (sequence 1)
Language
German
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Lutz weitmann / Juden als Übersetzer „Aus fremden Landen" nennt sich ein neues kleines Buch von Alfred Neumann , das Nachdichtungen englischer, französischer und italienischer Lyrik enthält (Saturn-Verlag, Wien). Der Zufall weht eine gleichzeitige Übertragung von Verlaine-Versen durch Georg von der Vring („Das Gedicht, Blätter für Dichtung" I, 9. Hamburg, Februar 35) auf den Schreibtisch. Unwillkürlich stellt man Übersetzungsproben beider Dichter nach dem gleichen Original von Verlaine nebeneinander. Zuerst die Übertragung von Neumann: „Die Nachtigall" „Gleich aufgescheuchten Vögeln kreischend, stürzt im Flug Auf mich sich der Erinnerungen wüster Zug, Stürzt sich in meines Herzens braungefärbtes Laub, Des Herzens, das den Eibstrunk — wilder Tage Raub! — Läßt spiegeln in der Reue violettem Born, Der melancholisch plätschert bei dem Baume vorn; So stürzt der Zug; jedoch dann verstummt, was schrill getönt, In sanfter Brise Bann, die das Getös versöhnt, Und mählig schweigt's im Baum — so ruhig-unbewegt, Daß sich im Augenblick auch nicht ein Hauch mehr regt. Nichts als die Stimme, die nur ihr, der Fernen singt, Nichts als des Vogels Stimme, die so schmachtend klingt, Des Vogels, der einst meine erste Liebe war, Und dessen Sang noch, wie am ersten Tage, klar. Und in dem Licht des Monds, der trüb sich droben zeigt Und fahl und feierlich zum schwarzen Himmel steigt, Wiegt tiefe, melancholisch-schwere Sommernacht, Gehüllt in Dunkelheit, ganz in des Schweigens Macht. In dem Azur, dem leichter Abendwind sich eint, Den Baum, den's friert, das Vöglein, das dort weint". Georg von der Vrings Übersetzung lautet: „Wie ein Schwärm schreiender Vögel Stürzen sich die Erinnerungen Unter das gelbe Laub meines Lebensbaumes, Dessen gebeugter Stamm sich spiegelt Im bitteren Bache der Reue — Stürzen sich lärmend, Bis sie im schlaffen Winde hinsterben. Verstummen, und nichts mehr tönt Als die feierliche Stimme, o deine! Nichts als die schmachtende arme Stimme des Vogels, Stimme meiner ersten Und unaustilglichen Liebe — 458

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