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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 456

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Der Golem
Date
1936-01-01
Page
456 (sequence 5)
Language
German
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Johanna Michaelis gann Gott, seinen Hauch hinauszusenden und ihn wieder zurückzuholen, Anfang der Atmung und jeglichen Lebens. Wer solches und vieles andere Wissen der tiefschauenden kabbalistischen Lehre sich zu eigen gemacht hatte, konnte den Golem, dieses Geschöpf der Materie, zum Leben erwecken und auch wieder ersterben lassen. Es wird nun klar, daß ihm die Sprache fehlen mußte, die niemals einem so niederen Geschöpf zu eigen sein konnte, das nur Nefesch, die untere Seele besaß. Die wichtigsten Zentren der Geisteskraft und der höheren Seelen, die bei diesem Naturgeschöpf leer bleiben mußten, wurden nun genialer Weise mit den Zetteln, die die Buchstaben trugen, belebt. Es war das Stirnzentrum und die Zunge. So hatte denn der weise Rabbi leibhaft vor Augen, was ihn in seinem Innern gepeinigt und gequält haben würde, seinen Schatten! Wie anders handelte der leichtfertige Peter Schlemihl in einer Zeit, da man schwärmend zwischen Himmel und Erde schwebte! Er hatte den Schatten verachtet und hergegeben und mußte nun erfahren, wie wesentlich er für ein irdisches Dasein ist. Der Schöpfer des Golem aber schuf ihn in der grauenhaften Schwere und Dunkelheit, die die Materie für ihn besaß, mit der Bereitschaft, stets ins Ungemessene wachsen zu können, und zwang ihn zur Dienstbarkeit und zum Gehorsam. In seinem Wesen ist noch die Unruhe spürbar, mit der der Kainsfluch den der Materie ergebenen Menschen belegt, andrerseits aber auch die Erstarrung, die Lots Weib verwandelte. Der Golem eilt wohl geschäftig hin und her, aber seine Bewegungen sind steif und automatenhaft. So geschieht es überall, wo die Natur nicht vom wahren Geist durchdrungen wird. In unserer Zeit setzt sich der Verstand an seine Stelle und erzeugt die Technik, deren Maschinenwesen seelenlos bleiben. Das Mittelalter, dessen Menschen nur das geistige Leben für das wahre ansahen und die Natur verachteten, mußte eine solche Form hervorbringen, in der alle Seiten der Natur anklingen. Es zeigt sich, daß wir nur eine Seite in der Geschichte weiter umzublättern brauchen, um auch die Umkehr solchen Geschehens feststellen zu können. Die Geburt eines Wesens, das dem des Golem völlig polar gegenüberstellt, erfolgte tatsächlich in der Renaissance. Konnten wir im Mittelalter von einer Überbetonung der geistigen Seite im menschlichen Leben sprechen, so führt die neue Epoche sehr schnell zu einer Überbewertung der Natur. Die Problematik des Daseins liegt nun auf der anderen Seite. „Wo faß ich dich, unendliche Natur?", fragt der typische Vertreter dieser Menschheit: Faust. Nicht die notwendige Ergänzung tritt an die Seite des mittelalterlichen Strebens zum Irrationalen, — sie würde Gesundung bedeutet haben. Nein, von neuer Krankheit erfaßt, v erdrängt man das Geistige und sucht im Rationalen den Sinn des Lebens zu erfassen. Dem jüdischen Menschen können diese Zweifel nicht so gefährlich werden, weil er Gott überall wiederfindet. Spinozas Geist 456

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