Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 457

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Der Golem
Date
1936-01-01
Page
457 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895549-2905629--08520-2905691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Golem dringt bis zur Erkenntnis der Einheit vor. Er erhält sich die weite Schau der Unendlichkeit, während der Humanist an die Enge der irdischen Welt gefesselt bleibt. War bei den Juden und den mittelalterlichen Menschen im allgemeinen die Tätigkeit eingeschränkt zugunsten geistiger Schau, so setzt jetzt das aktive Leben ein, für dessen Gestaltung dort der Golem erweckt worden war. Auch die Faustzeit ringt um die Erschaffung eines künstlichen Menschen, in dem das verdrängte Unbewußte Gestalt annehmen wollte. Wie weise hat Goethe mit intuitiver Erkenntnis die echte Wesenheit des Homunkulus erschaut und gezeichnet! Wir sehen den Prozeß der Mischung und der Verschmelzung, aus dem der künstlich gezeugte Mensch schließlich hervorgeht. Zur Erschaffung des Golems hingegen bedurfte es der reinsten, unvermischten Bergerde. Der Rationalist und Naturalist vermag das neue Leben nur in der Retorte, im Uterus, zu erwecken, und es muß im Kerker seiner Glaswände verbleiben; Fortbewegung ist ihm nur in der Enge dieses Behältnisses gegeben. „Natürlichem genügt das Weltall kaum, was künstlich ist, verlangt geschlossenen Raum." Der Golem als der Vertreter der Natur besitzt die Ausdehnungskraft, er kann ins Ungemessene wachsen. Homunkulus, „künstlich", d. h. nur mit dem Intellekt, nicht wie der Golem vom Geiste erzeugt, muß winzig klein bleiben.- Der Golem muß sein Erdendasein leben in dunkler, massiger Schwere, ohne Sprache, gehorsam den Befehlen seines Schöpfers. Das Produkt des Renaissancemenschen, entstanden aus dem ins Unbewußte verdrängten Geist, läßt sofort nach seiner Geburt seine Sprache erklingen. Fast ohne Substanz, leuchtet und tönt Homunkulus, er schwebt dahin und ist beherrschend und führend. Er zaubert den „Schein" hervor, an dem Faust genesen soll. „Wahrheit" ist die Existenz des Golem, das heißt wohl Anerkenntnis der Wirklichkeit in allem erschaffenen Stoff. Immer taucht bei den Juden die Golemsage in den Zeiten stärkster Weitabgewandtheit auf, bei Kabbalisten oder später in der chassidischen Mystik. Die bekannteste der Fassungen, die als Schöpfer des Golem den Rabbi Low in Prag bezeichnet, scheint eine Ausnahme zu machen, spielt sie doch auf der Höhe der Re-> naissance. So muß also der Rabbi Low eine Persönlichkeit gewesen sein, die in völligem Gegensatz zu ihrer Zeit gelebt hat, in rein geistiger Versenkung, vertraut mit der Kabbala. Alle diese Annahmen werden von der Geschichte bestätigt. Als nun später das Thema auch von Nicht-Juden behandelt wird — bis in die neueste Zeit hinein tauchen immer wieder neue Bearbeitungen des Stoffes auf — muß die ursprünglich von der jüdischen Seele erschaffene Gestalt in andere Formen umgegossen werden. So geschieht es auch und nie wieder kann man in späteren Fassungen in dem Golem die aus der Verdrängung ins Unbewußte sich emporarbeitende Materie beim einseitig geistig lebenden Menschen erkennen. 457

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.