Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Golem
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 455 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Golem wie irgend möglich ausgewählt werden muß. War es doch ein großes Wagnis, sich mit der Materie, die für unrein galt, zu befassen; so wollte man sie wenigstens so unverdorben wie möglich verwenden. Vor ihrer Belebung wurde die Gestalt im rhythmischen Tanzschritt „umgangen". Auf diese Weise wird ein Kreis gezogen, und hier sehen wir uraltes symbolisches Handeln am Werk. Im Osten dienen Kreisfiguren dazu, sich durch Konzentration in innige Verbindung mit Gott zu versetzen. Auch dort handelt es sich darum, das Innere des Kreises — hier die Golemfigur — mit wachsender Kraft zu erfüllen. Die Bibel berichtet uns vom Falle Jerichos, daß die auf Gottes Geheiß „umwandelten" Mauern von selbst einstürzten. Diese Art von „Magie" stellt also etwas dar, was dem Judentum durchaus nicht fremd war, in so engen Grenzen sie auch gehalten wird. Es mag außerdem noch die Absicht mitgewirkt haben, durch die „Umkreisung" den Stoff in sich fest zu verschanzen und es ihm unmöglich zu machen, über seine Umgrenzung, die Golemfigur, hinauszudringen und etwa andere Kreise, die höhere Geistesseele des Rabbi, zu beunruhigen. Diese Abspaltung des Golem zu eigener Selbständigkeit wäre unmöglich gewesen, hätte nicht im kabbalistischen Judentum die Vorstellung von drei übereinander gelagerten Seelen geherrscht. Die unterste, vegetative Seele, Nefesch, die Seele der Natur, konnte wohl von einem hochstehenden Menschenwesen, das, wie der Rabbi, mit Ruach, der empfindenden Seele, und Neschama, der Vernunftseele, ausgestattet war. in einem Körper erweckt werden. Beherrschte doch der Rabbi das Geheimnis von der Wunderkraft der 22 Buchstaben, die aus dem Urhauch des lebendigen Gottes hervorgegangen waren, aus der Urluft. Die geordnete Rezitation aller schöpferischen Buchstaben mußte Leben erwecken können; dieses Leben konnte erhalten werden durch die Anheftung des Wortes Emet, dessen Sinn „Wahrheit" ist. Die Auslöschung des Buchstaben Aleph, der zwar lautlos, doch an erster Stelle steht und lebenswichtig ist, läßt auch das Leben wieder vergehen. Parallelen zu dieser Anschauung von der lebenspendenden Kraft der Buchstaben und Namen finden wir auch in anderen Kulturen. In Ägypten z.B. glaubte man erst an den unwiderruflich eingetretenen Tod des Königs, wenn sein Name an seinem Grabdenkmal beseitigt worden war. Darum war es das erste, daß der Sieger den Namen des besiegten Feindes aus allen Inschriften auslöschen und seinen eigenen an dessen Stelle setzen ließ. Nun erst war er seines Lebens und seiner Macht sicher. Wie die geordnete Rezitation der Buchstaben den Golem ins Leben rief, so mußte er zerfallen, wenn sein Erwecker die Buchstaben rückwärts rezitierte. Hier finden wir das Prinzip der Aufrollung und Abrollung, der gesetzmäßig auftretenden Bewegung alles Lebens. Wir sehen das Licht, aur, hervorgehen aus der rückwärtslaufenden Bewegung der Buchstaben rua, d. i. Gottes Geist. So be- 455