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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 454

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Der Golem
Date
1936-01-01
Page
454 (sequence 3)
Language
German
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Johanna Michaelis setzt ihn in einen Rauschzustand, in dem sich ihm auch die unterweltliche Seite, das Dionysische, wie es Nietzsche benennt, offenbart. Der Ewige aber hat Seinen Bund mit ihm geschlossen, so daß es ihn nicht zu überwältigen vermag. Das Zeichen dieses Bundes ist der Regenbogen, das Naturgebilde, das auf wahrhaft göttliche Art die Erde mit dem Himmel verbindet. Jetzt ist die Erde der Verdammnis entronnen, und der Mensch darf die bis dahin gemiedene Seite (sie vertrat die Idee von der verderblichen Wirkung des Stoffes) nun anerkennen und als Gegenpol zum rem Geistigen, leben. Im Werden des Volkes Israel wechselten, so haben wir gesehen und so geschah es in Zukunft, rein geistig gerichtete Strömungen mit solchen, die den Erdstoff, sei er mit Weib, Körper, Natur oder Materie bezeichnet, anerkennen und zum Ausgleich gebrauchen. In Zeiten schöpferischer Erhebung finden wir stets beides am Werk; hat doch Gott unseren Körper dem Reiche der Natur entnommen und zugeordnet, und es muß sich rächen, wenn wir dieses ganze Reich völlig negieren. Keinem Volke aber sitzt noch von der Urzeit her ein solches Grauen vor der Materie im Blut; nirgendwo wird die Sünde, die Materie über sich herrschen zu lassen, tiefer empfunden, peinigender, als bei den Juden. Natürlich war das Mittelalter, das überall den Zug zum Geistigen brachte, dieser Richtung ganz besonders günstig. Talmudisten und Kabbalisten, so verschieden ihre Ansichten auch sonst waren, haben die Verachtung des Körpers miteinander gemein. Darum sehen wir zu dieser Zeit die nicht anerkannte Seite, die ins Unbewußte gedrängt wurde, daraus hervorbrechen. Sie nimmt in der Gestalt des „Golem" Form an und stellt ein halb geglücktes Heilverfahren dar, das die Beunruhigung erst wieder vermehrt, wenn der Meister es nicht mehr beherrscht. Die Golemsage wird in verschiedenen Varianten erzählt. Die frühen Erscheinungen tragen alle den gleichen Charakter: ein frommer und weiser Rabbi erschafft sich ein lebendiges Geschöpf, den Golem, der ihm dienen muß. Zwar benötigt er die Materie, er löst sie aber völlig, bis zur sichtbaren Gestalt, von seinem Selbst ab und duldet sie nur in gänzlicher Abhängigkeit neben sich. Diese Lösung ist wirklich die große Tat .eines Weisen: das Dunkle, aus den Tiefen des Unbewußten heraus Quälende aus der Verdrängung ans Licht zu holen und ihm Gestalt zu verleihen. Er hat seine Seele so lange von dem Drucke befreit, bis er dem Geschöpf nicht mehr überlegen ist und es ihn fast überwältigt. Der Ausgang des Kampfes ist nicht in allen Sagen gleich; es gibt auch eine Fassung, die mit dem Tode des Meisters endet. Über die Entstehung des Golem erfahren wir, daß die Form aus jungfräulicher Bergerde hergestellt worden ist. Es ist verständlich, daß der Stoff, der Leben empfangen soll, so rein und unberührt 454

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