Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Golem
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 453 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Golem Als Gott die Schöpfung vollendet hat, findet er: „es ist nicht gut, daß der Mensch (Mann) allein sei." Er gesellt dem Adam das Weib bei. Sogleich aber zeigt es sich, daß in ihm nicht die gleichwertige Gegenseite erschaffen worden ist, Mann Geist, Frau Natur, die in ewiger Wechselwirkung einander ergänzen. Nein, es ist ein minderwertiges Geschöpf, das in Gemeinschaft mit einem anderen weiblichen Wesen, von dem wir erfahren, der Schlange, die Sünde in die Welt bringt und dem Manne nun Untertan sein muß. Die Erde, ail-überal! Urbild des fruchtbaren Muttertums, tragend, umfangend und bewahrend, wird von Gott verflucht und trägt nur Disteln und Dornen. Ja, Gottes Fluch gestaltet die gesamte Mutterschaft leidvoll. Entscheidend liegt hier in der tiefsten Schicht der jüdischen Rückerinnerung eine Abkehr vom weiblichen Wesen der Natur, eine Minderbewertung, die vielleicht die in vielen Zeiten der Geschichte wiederkehrende Naturentfremdung des Juden erklären mag. Sicherlich hat auch in den Urzeiten bei den Hebräern niemals das Matriarchat geherrscht, wie es heute für die meisten der alten Kulturen erwiesen ist. Bis zum heutigen Tage gilt im Judentum die Frau für unrein, wenn ihr Geschlechtswesen in Erscheinung tritt. Der erste, von dem erzählt wird, er habe der Erde Früchte abgerungen, ist Kain. Ihm aber gereicht die Verbindung mit den zeugenden Naturkräften nicht zum Segen. Gott verwirft sein Opfer. Hatte er unfromm gelebt und sein Sinnen und Trachten allein auf die Gewinnung der Frucht, die man wohl hier schon mit „Materie" bezeichnen darf, gerichtet? Der Ewige zeichnet Kain, der den Ackerboden mit dem Blute seines Bruders tränkt. Rastlos muß er auf Erden umherirren. — Die Strafe, die später über Lots Frau verhängt wird, ist entgegengesetzter Natur. Sie, die im Verlangen nach der verderbten, irdischen Welt hinter sich, also auch der Materie verhaftet, den Kopf wendet, mußte zur Salzsäule erstarren. Seither sind die Menschen, die die Materie über sich herrschen lassen, gekennzeichnet durch ein Wesen, das sich entweder in Hast und Unruhe verzehrt, oder das den Gegenpol, seelenlose Erstarrung, aufweist. Solche frühen Erlebnisse haben ihre Eindrücke auf dem Grunde der jüdischen Seele hinterlassen. Vielleicht sind hie'r schon Elemente zu dem, was später als Golem-Imago hervortrat, nachzuweisen. Eine völlige Wandlung — die Hinwendung zur Natur — tritt in der Bibel von dem Zeitpunkt an ein, als aus den Wassern der Sündflut die neue, gereinigte Erde aufsteigt. Noah pflanzt die W einrebe und erntet ihre Frucht. In der Weintraube ersteht das Symbol, das dem späteren Volke Israel bis zum Verlust seiner Selbständigkeit stets das Zeichen seiner Kraft und seines Wachstums blieb. Auch die dunkle Seite, die der weiblichen Naturkraft zugehörig bleibt, muß Noah erfahren. Der Genuß des Weines ver- 453