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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 451

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-01-01
Page
451 (sequence 7)
Language
German
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Der Gezeichnete Da erlebte er es plötzlich, daß die Gela blond war, wie der fahrende Geiger, der da mit den fremden erregenden Tönen lockte und selbst das Fremde bedeutete; und er sah, daß sie anders war als die übrigen, die schwarzhaarigen Mädchen der Kehilla. Und so liebte er sie von diesem Augenblick an, weil sie ihm noch nie so erschienen war. Es kam ihm aber nicht bei, es ihr zu zeigen oder gar zu gestehen. Nicht daß es ihn hemmte, zu wissen, daß sie dem Eisig Stein aus Laudenbach versprochen war, das war es nicht; aber wie hätte er, der Sohn eines Chaddes, der selbst ein Chaddes, ein Armer geblieben war, es wagen können, an eine Heirat mit der Tochter des Feiwel Baum, des Kozen der Kehilla zu denken, Gott behüte . . . Nur wenn sie von nun an durch das Dorf ging, was an Wochentagen freilich nicht eben häufig geschah und nur zu bestimmten Gängen, traf sie jetzt oft auf den Sender; er ging an ihr vorbei und grüßte, sprach sie aber selten an. Einmal sagte er aber: „Gelele, du siehst aus, wie e Kanarievögele." Das Mädchen aber fühlte, was in ihm vorging und fing an zu laufen, nachdem es ihm zugerufen hatte: „Bist de meschugge?" Und so trug er es doch in sich. Und ein anderes wuchs daraus in ihm jetzt empor. Eines Tages begegnete ihm draußen im Gäu, da er von Dorf zu Dorf wanderte zwischen den Ebereschenbäumen, in denen die roten Büschel hingen, Gelas Bruder, der Josel. „No", fragte der, „host de wieder e groß' G'schäft gemacht?" Ein wenig überheblich klang es, das ist wahr, und man merkte, es sollte ihm seine Kleinheit zeigen. So antwortete Sender: „So groß wie du und deine Owaus Awauseinu!" Ho, das war natürlich übertrieben, gelinde gesagt. Wie kam der kleine Sender dazu, derlei zum Josel Baum über dessen Mischpoche zu sagen, deren bevorzugte Stellung in der Gemeinde jedermann anerkannte? Waren sie doch nicht nur die Kezinim, sondern über die Mutter sogar verwandt mit dem Baal Schern, dem großen Weisen von Michelstadt drüben im Odenwald, der noch nicht gar lange tot war! Aber nun sollte das vorbei sein, das hatte sich der Sender vorgenommen. Er wollte es ihnen zeigen. Eines Tages erklärte er der Rivke, seiner Schwester, nun gehe er auf Wanderung, in die Fremde, er habe das satt. Was er aber damit meinte,, darüber schwieg er. Das ältliche Mädchen, unvermutet so von dem überfallen, glaubte, der Bruder sei nicht recht im Kopf und lief in seiner Hilflosigkeit zum Parnes. Als der jedoch in seinem langen weißen Bart zu dem ärmlichen Haus kam, war es schon zu spät; der Sender war nicht mehr da. Er hatte sich schon fortgemacht und ein altes Felleisen, mit notdürftigen Sachen bepackt, mitgenommen. Als sie ihm nachgingen, die östliche und westliche Dorfstraße hinaus nach ihm schauten, sahen sie ihn nicht mehr. Denn er war, vorausbedenkend, daß man ihn verfolgen werde, querfeldein gegangen, wo ihn bald der dichte Fichtenwald 451

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