Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Johanna Michaelis aufnahm. Und als er nach Stunden auf die nächste Straße kam, war er schon in der Nähe eines fremden Dorfes, und Bauern beschauten ihn mißtrauisch. Spätherbst war es, die Felder abgeerntet, und über die rauhen Höhen zogen da und dort im Wind die Schäfer in den weiten Mänteln mit ihren langsamen geduldigen Tieren zwischen den niedrigen Wacholderbüschen. (Fortsetzung folgt.) Johanna Michaelis / Der Göletlt Die Golemgestalt ist eines der Urbilder der menschlichen, und im besonderen der jüdischen Seele. Die ihm eigenen Merkmale sind die dunkle, lastende Schwere der Materie, das tölpelhafte Wesen, der knechtische Gehorsam und das Fehlen der Sprache. Obwohl seinem Schöpfer völlig Untertan, behält der Golem selbst für diesen stets etwas Grauenvolles, Furchterregendes. Oberflächlich betrachtet könnte diese Angst das Entsetzen vor seiner Herkunft sein, das Grauen vor dem Menschenwerk, der Zauberei. Seine Meister sind aber immer die frömmsten der Rabbis, gottesfürchtige Menschen gewesen, denen nichts zugeschrieben worden wäre, wozu sie nicht Gottes Segen hätten sicher sein dürfen. Nur zu gewissen Zeiten sehen wir diese Gestalt aus den Tiefen des kollektiven Unbewußten aufsteigen und zum Leben erweckt werden. Ihrer Entstehung muß also eine bestimmte Seelenverfassung der jüdischen Seele zugrunde liegen, die auch zeitbedingt ist. Es gilt darum, den Versuch zu unternehmen, den Ursprung dieses Bildes in der Seele aufzufinden und den Grund, warum es gerade der jüdischen Seele entstiegen ist. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes weist eine Besonderheit gegenüber allen anderen Schöpfungsberichten auf. Während nämlich die Weltschöpfung in fast allen anderen alten Kulturen aus einer weiblichen Urkraft, beispielsweise in Babylon aus der Tiammat, hervorgeht, die dann später von einem in die Schöpfung eintretenden männlichen Geisteswesens besiegt wird, fehlt die weibliche Seite im Judentum bis zur vollendeten Schöpfung gänzlich. Das Gotteswesen selbst durfte nur übergeschlechtlich gesehen werden, wie es die Kabbala in der Zeichnung des Sefirotbaumes deutlich zum Ausdruck bringt. In höchster Sphäre stellt die „Krone" die göttliche Einheit dar, die sich in der Richtung nach unten dann in die zwei Seiten entfaltet: rechts und links, männlich und weiblich. Wir sehen in diesem Gotteswesen auch die ganze Größe der Mutternatur enthalten, das liebende Umfangen, das schützende Bewahren, aber auch den erbarmungslosen Vernichtungswillen, alles das, was in anderen Kulturen dem Urmuttertum zugehörig ist. 452