Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 450 (sequence 6)
- Language
- German
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Jakob Picard Ja, Sender erwachte eines Tages und sah sich selbst verflucht, sah sich plötzlich so, wie ein Fremder ihn sehen mußte, wenn er ihn von außen betrachtete, ihn und sein ganzes Leben. An einem Abend, zu Simchas-Tauro, es war ein sommerwarmer Oktobertag gewesen — man roch die letzte bäuerliche Ernte und die Spätblumen allenthalben — begab es sich. Die jungen Leute der Kehilla hatten sich im Hause des Feiwel Baum, dem größten des Dorfes, versammelt, auch weil der einen Sohn, den Jossei, hatte, der so glücklich war, heiraten zu dürfen und auch in den JaTiren dazu war, daneben eine Tochter, Gela, die dem Eisig Stein aus dem Nachbardorf Laudenbach versprochen war. Der verbrachte die hinteren Tage von Sukkaus im Dorf. Eben dieses war der Hauptgrund, weshalb man heute gerade bei denen zusammengekommen war. Sie tanzten nach der Geige eines weißblonden Fahrenden mit wildem Bart, wie sie damals nach den Kriegen des gewaltigen Kaisers viel durch das Land zogen; und sie tanzten den neuen Tanz, den sie Walzer nannten. Die französischen Soldaten, die beinahe zwanzig Jahre im Land gewesen und durchmarschiert waren, hatten ihn zurückgelassen. Und die Menschen hier trauten sich wieder, heiter zu sein. Manche Jahre war es nun doch schon her, seit man das fremde Kriegsvolk nicht mehr zu fürchten brauchte; und auch die Bauern hatten sich wieder beruhigt in jener Gegend zwischen Spessart und Rhön, nachdem hinter der Kriegszeit her mehrere Jahre lang Hungersnot die Menschen zur Verzweiflung gebracht hatte und zu Gewalttaten gegen die Juden, obwohl die, wie stets, ebenso vom Unglück verfolgt wurden und unter den Entbehrungen litten wie alle anderen. Reiche Ernten hatte aber nun der Himmel geschickt, und man fing an, wieder an eine gute Zukunft zu glauben. So heiter waren sie lange nicht gewesen; und die Jungen erinnerten sich überhaupt nicht, so etwas je erlebt zu haben, da sie während der Kriegszeit geboren waren. Der Eisig Stein, von dem sie wußten, daß er schon ein halbes Jahr in der großen Stadt Frankfurt verbracht hatte und die feinen Sitten kannte, tanzte jeden Tanz; auch trug er einen der kurzen schwarzen Röcke von der neuen Art. Daß er und die Gela, seine Verlobte, so der Mittelpunkt des Festes wurden, braucht kaum besonders erwähnt zu werden. Auch andere tanzten mit ihr, gewiß; aber wie hätte der Sender sich trauen sollen, das zu unternehmen, dem Feiwel Baum seine Gela um einen Tanz zu bitten! Nein, er stand da, unter der Türe zuerst, und später setzte er sich hinein an einen Tisch nahe dem Ausgang; auch nicht ganz an den Tisch, nur an die eine gerade freie Ecke mit halbem Körper auf das Ende der Bank. Kaum einer sprach mit ihm. Er lächelte vor sich hin zwischen seinen Paijes unter der schwarzen, etwas fettigen und ein wenig schiefsitzenden Schildmütze; ein wenig befangen war es, wie er lächelte, indem er auf all das schaute. 450