Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gezeichnete gehabt, die eben die Ursache des Streites mit der Brudersfrau gewesen war; immer wieder nach einigen Jahren wurde eine neue gekauft, eines von jenen mütterlich gütigen Tieren mit dem tief herabhängenden Euter. Es war nicht oft nötig gewesen, diese Hausgenossinnen, die zu ihnen gehörten, zu erneuern; alt wurden sie. Davon lebten Bruder und Schwester schon zur Not; und immer roch es in dem Haus nach Ziegenstall. Und ein kleines Gärtchen nährte sie, das an der Hinterseite des armseligen Häuschens angelegt war; dort pflanzte die Schwester im Frühling Kohlsetzlinge, ein wenig Kartoffeln und Lauch und auch Meerrettich für die Feiertage. Vor allem aber brachte ein karger Hühner- und Althandel, in den Sender, fast ohne daß er es wollte, hineingeraten war, eiii wenig Gewinn. Es ist zu verstehen, daß er danach nur wenig Geltung haben konnte bei den Leuten in der Kehilla. Nur die Schäfer hörten auf ihn und sprachen gerne mit ihm, wenn er bei ihnen saß unter den Tieren auf der Weide, an den Bergwiesen weitab vom Dorf, und auch die Ackerleute, wenn sie ein wenig anhielten hinterm Pflug oder beim Säen und er bei ihnen stand, ganz lebend in ihrem Werk und Wesen und im Wachstum der Flur . . . Manche Jahre waren so vergangen, und die Schwester Rivke war schon ältlich und vergrämt; Winter waren es mit Entbehrungen und Kälte, wo sie fast nicht das Furter mehr auftrieben für das Tier, das sie nährte; und Sommer, da Sender hinauswanderte unter heiterem Himmel in die Nachbardörfer um des kleinen Verdienstes willen, und da nur die religiösen Feste ein wenig Heiterkeit brachten mit Mut und Vertrauen, wie es Gottes Wille ist. Da erwachte Sender eines Tages und sah sein Geschick. Als ein Unabwendbares hatte er es bisher hingenommen und sich damit abgefunden, allein zu bleiben sein Leben lang, keine Frau zu haben, keine Kinder, und die Beruhigung der eigenen Familie zu missen. Und doch nahm jeder aus der Gemeinde teil gerade an seinem Leben; wußten sie doch alle, daß er mit dem Jahrhundert ging. Seltsam war das an ihm, und schon die Kinder kannten genau sein Lebensalter und riefen es ihm nach. Es schritt scheinbar anders fort als das der übrigen Menschen der Kehilla, gehörte es doch ihr mehr als eines der andern, weil man ihn immer brauchte an dem bestimmten Tage jeden Jahres: abzuhalten den Fluch, der dem drohte, welcher zu den Verfluchungen Gottes den Segen aussprach. Stets wenn an dem Tag, da die bestimmte Sidra gelesen wurde, die Parscha an die Reihe kam, in der Gott in seiner Weisheit uns mit den Strafen droht, wandteii sich alle Männer der Gemeinde um nach dem Platz in der hintersten Reihe der Schul, wo der Sender wehrlos stand mit seinem durchscheinenden Gesicht. Dann schritt er eilends und wie um sich zu entschuldigen hinauf zum Almemor, um seine bittere Pflicht zu erfüllen, wie sie es von ihm forderten. 449