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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 448

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Der Gezeichnete
Date
1936-01-01
Page
448 (sequence 4)
Language
German
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Jakob Picard sein vorbestimmtes Geschick, und brachte so das Opfer für die andern. Und es ergab sich fast stets, daß es einen solchen traf, dem durch das harte Gesetz der irdischen Macht verboten war, eine Frau zu nehmen, wie wir es geschildert haben. Wie hätte es auch einer wagen sollen, sich dem zu entziehen, da der Einzelne im engen Kreis einer Gemeinschaft vor der Mehrzahl immer schwach und hilflos ist! So war es die Jahrhunderte lang. Diese Parscha wird also gesprochen zur Zeit des Omern, da täglich unter den Frommen zu Maariv in der Abenddämmerung zwischen Pessach und Schewuaus die Gebete gesagt werden, ein Gedächtnis der blutigen und grausamen Zeiten vor tausend Jahren, die in deutschen Landen unsere Vorfahren zu bestehen hatten um unseres heiligen Glaubens willen und unseretwegen, ihrer Nachkommen . . . So verstand es sich von selbst, daß sie auch den Sender, schon kurz nachdem er Barmizwa geworden und unter die Männer in Israel aufgenommen worden, und Schlaume, sein Vorgänger, ein sehr altes und schwaches Männchen, nicht mehr dazu geeignet war, damit beluden, diese schwere und vor den andern — wie sie nun einmal waren — zugleich erniedrigende Pflicht zu erfüllen. Er nahm es hin, weil er sich nicht wehren konnte und weil er auch zunächst nicht wußte, daß er sich hätte wehren dürfen nach dem wirklichen Gesetz. So gewöhnten sich alle daran, daß er es war, der diesen Dienst alljährlich tat; und selbst er wußte nichts anderes mehr. Dazu war er bestimmt wie der Chasan und der Schochet für ihre Aufgabe, notwendig für alle. Dieses also war das Schwerste, das ihm für sein Leben beschieden wurde durch den absonderlichen Tag seiner Geburt; der sowohl zu spät fiel, wenn man den Sonderfall betrachtet, als auch zu früh im Hinblick auf den Lauf der Geschichte unseres Volkes und um ihn befreien zu können von diesem makelhaften Zwang der noch dunklen Zeit. Denn es ist so, daß Unheil immer wieder Unheil zeugt, je weniger Widerstand der Mensch wegen des früheren, das schon auf ihm lastet, zu leisten vermag. Aber zunächst spürte Sender es nicht, daß er vor den andern weniger geachtet und minderen Wesens war. Er wuchs hinein in die Stelle, die ihm unter ihnen einzunehmen bestimmt wurde, und er war zufrieden damit; wie wir eben alles schweigend tragen, was wir von Jugend auf unter den uns Nächsten vor uns sehen, bevor wir selbst nachzudenken vermögen. Ja, um es ganz klar zu sagen: er hatte keine Stimme unter ihnen. Sein Leben und das seiner Schwester in dem strohgedeckten Haus, auf dessen Dach Moos wuchs, war schwer genug; das werdet ihr euch nach allem, was ihr nun schon von ihm wißt, denken können. Noch von den Eltern her hatten sie zunächst eine Ziege 448

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