Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895549-2905628--08507-2905680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jakob Picard Zuflucht zu haben vor dem Ungewissen des Lebenskampfes und seinen rätselvollen Mächten? Nein, das durften nicht alle. Nur die durften es, denen eine hohe Behörde die Erlaubnis dazu gegeben hatte; und das war immer nur eine bestimmte und geringe Zahl. Die anderen aber, was wurde aus den anderen? Und wie kam das alles? Das müßt ihr wissen, um zu erkennen, was für ein Mensch in seiner Zeit der Sender war. Es kam so: das große Mißtrauen der Umwelt, die unsere Vorfahren und ihr wahres Wesen nicht kannte, hatte die mächtige Kaiserin in Furcht versetzt vor vermeintlichen geheimen, dem alten Reiche schädlichen Handlungen der Juden; und sie glaubte dadurch, daß sie die Vermehrung dieses kleinen Teiles ihrer vielen Völker hemmte, sich und die anderen zu schützen. So befahl und erneuerte sie wiederum ein Gesetz: daß immer nur der älteste Sohn einer jüdischen Familie in Stadt und Dorf, wo überhaupt sie wohnen durften, zu heiraten berechtigt sei. Nur einer von den oft zahlreichen Söhnen eines Hauses also durfte eine Familie gründen. Und dieses Gesetz wurde hundert und mehr Jahre, wie auch in früheren Zeiten schon, vollzogen bis in die Tage unserer Großväter hinein und über die Zeit, da es den armen Sender traf, auch seine Tage sich zu mühen. Denn Senderle, wie sie ihn manchmal riefen, obgleich man ihn keineswegs klein von Gestalt nennen konnte, war solch ein Drittgeborener nach einer Schwester und einem Bruder, ein Zuspätgeborener seines Vaters, als dessen älterster Sohn schon fast zur Heirat reif war und auch bald ehelichte, nachdem der Kleine zur Welt gekommen war. Und dies also war auch eine Folge des ungewöhnlichen Tages seiner Geburt, der es verschuldete, daß es ihn traf und verfolgte sein Leben lang, wie wir sehen werden. Denn keiner vermag dem Gesetz des Ewigen, gelobt sei er, zu entgehen und dem Plan, zu dessen Erfüllung Er sich unerforschlicher Mittel bedient. Sender war nun so zwischen die Zeiten und in ihr Getriebe geraten in dem armseligen Dorf. Denn es ergab sich bald, daß die anderen, schon weil er äußerlich unansehnlich war, alles glaubten mit ihm beginnen zu können, was sie wollten. Nicht lang* nachdem er ins Leben gekommen — wenige Jahre nur war er alt —, da starben seine Mutter und sein Vater kurz nacheinander. Sie ließen ihn mit der kaum erwachsenen Schwester Rivke zurück in dem strohbedeckten Häuschen nahe beim Fluß; auf dem Dach wuchs Moos in pelzigen Wülsten, weil es immer im Schatten stand. Die Schwester mußte ihn erziehen und für ihn sorgen, denn zwischen dem älteren Bruder und ihr, und so auch ihm, gab es bald Feindschaft um Geldes willen, weil dessen Frau gierig war nach Besitz, unwahr und bösartig im Reden. Ihr wißt es wohl, wie das so geht. Sie wollte nicht, daß ihr Mann die heilige Pflicht der Familie erfüllte an seinem jungen Bruder. So war der also früh allein und 446