Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 445 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Jakob Picard / Der Gezeichnete (Eine Novelle) Das hätte ein Wissender, dem es gegeben war, hinter die Dinge und das Geschehen zu schauen, dem guten Sender Frank voraussagen können, daß sein Leben nicht ebenmäßig und wie das der anderen verlaufen würde, wenn man ihn bei der Geburt nach der Zukunft dieses Kindes gefragt hätte. Absonderlich war schon der Zeitpunkt, an dem er geboren wurde in dem kleinen, aus grauen Basaltblöcken der Rhön gebauten Haus seiner Eltern, das in dem fast zur Hälfte von Juden bewohnten Dörflein des kargen Gebirges lag. Seine Mutter hatte sich in Gedanken dagegen gewehrt, ihn an dem Tag zur Welt zu bringen, an dem sie fühlte, daß er kommen werde. Denn es war der nichtjüdische Neujahrstag; und nicht irgendeiner, sondern der erste Tag des neuen Jahrhunderts. Aber sie vermochte nichts wider die Natur; und so kam es denn, daß seine Augen am ersten Januartag des Jahres 1800 zum erstenmal in diese kalte Welt schauten. Ja, schon das zeichnete ihn sofort von den anderen ab: er ging mit dem Jahrhundert, wie sie sagten, nie vergaßen und ihm immer wieder vorhielten. Man wird es verständlich finden, wenn die im Dorf ein Besonderes dabei sahen; denn keinen anderen gab es unter ihnen mehr, der an diesem wichtigen Tag geboren war. Doch dieses war es nicht allein, das ihn heraushob aus den Übrigen; aber freilich war es gerade das, was alles andere zur Folge hatte. Wißt ihr, was die Menschen lange Zeit hindurch bedeuteten, die man damals Famiiianten nannte in gewissen Gebieten des deutschen Landes? Wenige werden es heute noch wissen; und doch litten unsere Vorfahren geschlechterlang unter den Bestimmungen, die die von ihnen Betroffenen ihr Leben durch bedrückten, so daß sie an seiner Vollendung verhindert wurden bis an ihren Tod. Denn dabei ging es um Leben, Liebe und Tod; weil es ja die Vollendung und Erfüllung eines jeden Menschen bedeutet, zu lieben, einer Frau Liebe zu geben, vom Manne Liebe zu nehmen und sich in seinen Kindern fortleben zu sehen zum Wohlgefallen Gottes, zum eigenen Segen und dem der Familie. Die aber, die in jenen Zeiten eine Familie gründen durften, nannten sie mit dem Namen Famiiianten; und den müssen wir hier zuerst klarmachen aus der dunklen Zeit von einst. Wie denn? Durfte nicht ein jeder heiraten, ein jeder dem natürlichen Drang des Herzens und Blutes folgen und sich zur heiligen Einheit mit einem anderen binden, um behütet zu sein und eine 445