Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 443

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Mendele Mocher Sforim
Date
1936-01-01
Page
443 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895549-2905626--08501-2905677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iise weiß / Amsterdamer Judenmarkt Wie ausgespien vom Schutt und Staub der Stadt Liegt dicht bei dicht armserger Trödeltand: Zerbrochnes Eisen, Glas, ein Kinderrad, Blechfetzen über flachen Haufen Sand. Und Nägel, Messer auf zerschlissnem Plan, Und Schlüssel, Schalen, rotgeflammt vom Rost, Und Löcher-Siebe, riesig aufgetan Für neues Elend, neue Leidenskost. Verbrauchtes Mitleid speist das Asphalt-Grau: Wer kauft der Armut traurigsten Beleg? — Gerümpel, aufgebahrt zur letzten Schau, Liegt wie ein Leichnam mitten auf dem Weg. — Und Menschen stehen hilflos hingereiht Und warten müde auf den Bettelkauf, Tagaus, tagein, vom Licht zur Dunkelheit . . . Und keiner hebt ihr Trödelschicksal auf. (Fortsetzung von Seite UW2) eine dürftige Pension bekommen, und 1917 ist er gestorben. Ein Erlebnis allerdings außerhalb der jüdischen Überlieferung und der Einsicht in die Not der jüdischen Gegenwart ist als Sensation zu bezeichnen: seine Entdeckung der Natur, die zuvor für die ostjüdische Vorstellung nicht zu existieren schien. Sie hat ihn als Knaben überwältigt und zum Dichter gemacht, und vom ersten bis zum letzten Prosawerk finden sich seine Naturschilderungen, manchmal ohne Zusammenhang mit der Handlung, wie ein geheimnisvoll schuldiger Tribut an den Engel der Kunst, denn seine Figuren, die „Tachlismenschen" von Glupsk und Kabansk, sehen die Natur ja kaum, und nur der reisende Bücherverkäufer Mendele kann gelegentlich erzählen (was hier im Original folgen möge): „Unterwegens einmol Schiwo-oßer-betammus (Fast- und Trauertag), ganz frih, sitz ich mir äuf der kelnie vun mein beidel (Wagenbock) in tallis un tfillin, mit der beitsch in der hand, ganz jidischlech. Die Äugen senen mir zugemacht, bichdej (um) nischt onzukuken beim dawnen die lichtige weit. Maaße-Schoten (wie durch Satans Werk) ober is sie, die Natur, wie heißt men es, gewen 443

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.