Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Mendele Mocher Sforim
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 442 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Mendele Mocher Sforim Autors so: der gestaltende Künstler erweist sich mächtiger als der Zweckschriftsteller. Mendele kommt, um zu fluchen, und segnet. In den späteren Werken siegt das Prinzip des Ausgleichs vollends. Immer reiner tritt an die Stelle der Satire der Humor: das Didaktische und Predigthafte weicht dem Nichts-als-Epischen, die Tendenz, das Volk brauche keine schönen Worte sondern Brot, wird nur mehr in der Handlung spürbar. Der Dichter zieht sich zurück, und seine Personen sprechen nur mehr das ihrige. Von diesen Personen ist die wichtigste Mendele Mocher Sforim, der Buchhändler Mendele, der durchaus nicht mit dem Autor identisch ist. Dessen erste hebräische Schriften tragen seinen eigentlichen Namen Scholem Jaakow Abramowitsch. Erst für seinen jiddischen Erstling hat er ein Pseudonym gewählt, um sich nicht gar zu sehr zu gefährden, nämlich Senderl Mocher Sforim, das der Herausgeber, der mit Vornamen Alexander (Sender) hieß, vorsichtshalber in Mendele umänderte. Dieser Bücherverkäufer Mendele tritt fortan immer wieder auf, nicht bloß als Raisonneur, sondern als das andere Ich des Dichters, als der ganz volksmäßige handelnde Mensch, den der Autor von sich abspalten mußte, wie manche englischen Psychologisten, etwa Conrad, ihre durch ihr Gesamtwerk gehenden, mehr oder weniger beobachtenden oder handelnden Personen. Aber selbst darin ist Mendele nicht subjektiv, wahrt er wie nur die älteren Engländer Distanz. Seine Distanz, die wesentliche epische Eigenschaft überhaupt, besteht in der großen Pogromkrise des Ostjudentums vor der Jahrhundertwende die schwerste Probe. Während die anderen Autoren nun in einen pathetischen Nationalismus ausbrechen, schweigt Mendele: in solcher Not ist keine Zeit, „die Harfe zu schlagen". Dann aber kehrt er wieder und ist nur noch Humorist. Und er schreibt nun wieder und reif hebräisch, auch sprachlich ist sein Ausgleich vollkommen. Dabei haben die Spätwerke etwas Zerfließendes, als wäre sein Auge der Fülle und Vielfalt der Erscheinungen so realistisch offen, daß keine hergebrachte Form und Ausdrucksweise ihr mehr gerecht werden könnte. Über all diese Dinge ist bisher so gut wie nichts geschrieben worden; die jüdische Literaturkritik ist arm und kaum im Anfang, und wahrscheinlich ist auch Mendele selbst, als Mensch, als Person, als Totalität noch so unheimlich lebendig, daß er die Augen der Betrachter immer wieder von seinen Werken ab- und auf sich selbst zieht. Als Person und nicht durch ein ungewöhnliches Schicksal; sein Leben war rechtschaffen abenteuerarm, er ist vor hundert Jahren in einem Städtchen Kopyl geboren, in jüdischen Dingen früh gut gebildet worden, hat mit siebzehn Jahren hebräische Verse geschrieben, ist während einer Fahrt mit einem Schnorrer und Gauner fast verkommen, hat dann einigermaßen deutsch und russisch gelernt und schließlich als Lehrer und Schriftsteller in Berditschew, dann in Odessa sein Leben gefristet; 1916 erst hat er 442