Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Mendele Mocher Sforim
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 444 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Leo Hirsch: Mendele Mocher Sforim wunder-schejn, gor a bild, un es not mich gezoigen eppis, wie a kischuf (Zauberei), a kuk zu tun. Ich hob a hibsche Zeit sich gerangelt mit mir allein. Der Jezer-tovv (der gute Trieb) sagt: Fe! (Pfui!), men tor nischt. Der Jezer-hora (der böse Trieb) akegen toret: Nischkosche (es tut nichts), hob hanoe (Genuß), narrele! Un efent mir derbei take äuf mein äug. Es tut mir a schein, nor wie äuf zu lehachjes (Trotz), eppis a bild-schejne panorame; feider gesprengelt mit blihende retschke weiß wie schnei, neben gelbgildene razomorene passen vun weiz un matt-grinliche, hoichgewaksene kukuruses; a schejner griner tal, bedeckt vun beide Seiten mit wäldlech, nießbäumer. Unten fleizt a teichel, rein, klor, wie a kristoll, in welchen es rucken sich die Strahlen vun der sunn un belegen es mit finkeldige, gildene flitterlech. Die Schof und die Kuh äuf der pasche dort sehen vun der weitens äus wie tunkele, roite, gefleckte pintelech (Pünktchen) . . . fe! fe! mussert (weist zurecht) der jezer-tow . . Mendele schwärmt nicht von der Natur, er liebt sie; er ist ihr treu, in sehr jüdischer, zärtlich-derber Art, ist ihr erster aufmerksamer jüdischer Liebhaber, ein so uneigennütziger Liebhaber, daß er kaum einmal einen Spiegel des Menschenherzens in ihr sieht. Er bringt ihr nicht bloß in Büchern Ständchen, er lebt auch mit ihr, er versäumt keine ihrer Szenen vom ersten Birkengrünen seiner Knabentage bis zum milden Mondaufgang über dem Schwarzen Meer in seiner Großväterzeit. Auch darin ist er Ahnherr und Altmeister der jiddischen und neuen hebräischen Literatur, und Altmeister, Großvater, „Seide" hat ihn auch die folgende Generation der Scholem Aleichem, ßialik, Achad Haam, Dubnow, Rawnicki genannt. Sie alle haben ihm Unschätzbares zu danken, vor allem die Nutzbarkeit ihrer Sprache, und besonders Scholem Alejchem (der erste, der Mendele „Seide" und sich dessen „Enkel" nannte wie dann die ganze Generation) und Bialik haben ihrem Dank ergreifenden Ausdruck gegeben. Tatsächlich bleibt sein Verdienst das des größten Revolutionärs und Konstitutors der jiddischen Literatur und des ostjüdischen Lebensgefühls: er hat als erster die soziale Ungleichheit und das Unrecht in der jüdischen Gesellschaft festgestellt und bekämpft, hat als erster in der Haskala-Zeit das nationale Bewußtsein wachgerufen, hat als erster jiddisch als Kultursprache geschrieben, also die jiddische Kultursprache geschaffen, und das Hebräische nicht bloß um eine naturwissenschaftliche Terminologie bereichert, sondern erst den neuen, reichen, reinen Prosastil ermöglicht. Er ist, als erster östlicher Erzähler, Realist und Psycholog von Format und eben darum der Kulturhistoriker des jüdischen Lebens in seinem Jahrhundert, und er ist der vornehmste Künstler und Humorist. Er hat, sagt Perez, in unserer Literatur das geleistet, was für die gesamte Technik und Zivilisation vor Zeiten jener Unbekannte getan, der das Rad erfunden hat. 444