Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Mendele Mocher Sforim
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 441 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895549-2905626--08499-2905675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mendele Mocher Sforim mancher Dialog klingt wie aus dem Jiddischen übersetzt. Die logische Konsequenz für den Aufklärer, der doch ins Volk wirken muß (denn was sonst wäre Haskala?), bliebe demnach jiddisch schreiben. Aber der „Jargon" ist als Kauderwelsch, als Nichtsprache, als literaturunfähig verpönt. Mendele hat dabei nur zu verlieren. Er schreibt „Das kleine Menschele" jiddisch und verheimlicht das Manuskript. Aber der Durchbruch in die Volkssprache ist fällig, also unaufhaltsam, und „Die Kljatsche" (Die Mähre) wird veröffentlicht, bespöttelt, beargwöhnt, berühmt. „Die Taxe" erregt Sturm. Die Haskala-Tendenz: Aufklärung, ins Volk, fürs Volk! wird hier nicht nur beibehalten, sondern erst fundiert und konstituiert. Die Maskilim vorher wollten ihre Leser bilden, gebildet machen, um den Preis der jüdischen Volksmäßigkeit Menschenrechte einhandeln. Sie waren hebräische Schönschreiber, jeder Satz stolzierte auf den Kothurnen klassischer Zitate; ihre Stoffe hießen immer noch Lots Töchter und Frau Potiphar, und sie waren viel zu betäubt von westlicher Kultur, zu aristokratisch ethisch und hygienisch, um eine Berührung mit dem Volk auch nur zu wünschen Mendele entwand sich ihrer Schönschreiberei: die Literatur sollte „verständlicher" werden; er beschrieb, nun jiddisch (auch die Sprachwahl war ein Akt von Realismus), das Leben, „wie es ist", übergoß in der „Taxe" innerjüdische soziale Mißstände mit dem brennenden Pech seines Spottes, in der „Kljatsche" den nationalen Mißstand mit Satire und Erschütterung und zeigte immer auch die Kehrseite des Problems, was nicht seiner Tendenz oder der Mitleidigkeit seines jüdischen Herzens, sondern seinem künstlerischen Genie gutzuschreiben ist. Die Tendenz der allegorischen „Kljatsche" geht gegen die Gehetztheit und Verkommenheit des jüdischen Volkes, die der „Taxe", dieser „Bombe aus Galle", gegen das soziale Unrecht; doch nun das Künstlerische: die Kljatsche, das in einem ausgemergelten Vieh personifizierte jüdische Volk, ist ein in die Schindmähre verzauberter Prinz! Und aus solcher, eben künstlerischer Doppelgesichtigkeit ergibt sich die neue Tendenz: der Jude hat das Recht auf Leben, gleichviel wes Standes oder Amtes oder Vermögens oder Geistes er ist, und das jüdische Volk hat das Recht auf Leben, gleichviel wes nationalen oder hygienischen oder politischen Zustandes es ist! Und da der wahre Künstler auch seine verhaßtesten Bösewichter nicht mit schlechteren Stiften zeichnen und mit schlechteren Farben malen kann, wirkt Mendele auch in seinen satirischsten Partien nie als Pamphletist, nie als Feind dieser Art Menschen, sondern dieser Eigenschaften und Zustände, und selbst seine verspottetsten Städte Glupsk (etwa: Dummsdorf; gemeint ist Berditschew), Kabzansk (die Stadt der Habenichtse) und Tunejadewke sind, am Schabbat oder wenn man vom heiligen Land spricht, vom rührend freundlichsten Licht umstrahlt. Das ist oft genug gegen den Willen des 441