Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Mendele Mocher Sforim
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 440 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895549-2905626--08498-2905674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leo Hirsch entsprechenden Kreisen Tolstoj oder Ibsen oder Jeremias Gottheit oder Multatuli. Mendele konnte nicht „im Gespann" denken, nicht in allgemeiner literarischer Valuta zahlen, dem Leser nicht zu Liebe schreiben. Sein Witz ist auf die Sache, nicht auf den Effekt gestimmt, und daß Gott ohne Juden „schön aussehen" würde, war ihm so wenig wie den Propheten oder dem Maimonides ein Spaß. (Die Wendung „schön aussehen", im jiddischen Original: „a schejn ponim wolt got gehat ohne jiden", entspricht etwa der chinesischen Metapher „sein Gesicht verlieren".) Ebensowenig war ihm das Schreiben ein Spaß, so scharf pointiert und humorig breit er sich auch liest. Das Drauflosschriftstellern ohne Plan und Ziel war ihm unredlich und undenkbar. Feilen, feilen und noch einmal feilen, Kleinarbeit an jedem Wort! rät er einem jungen Autor. Ein anderer, der „aus dem Ärmel schüttelt", erinnert ihn an eine Henne, die, während Mendeles Mutter stundenlang in den schwersten Wehen lag, gackernd in die Küche hineinspazierte und mir nichts dir nichts ein Ei gelegt hatte. Die literarischen Leichtgeburten vergleicht er mit Kälbchen, die, kaum zur Welt gekommen, schon stehen und laufen können, „und sie werden auch mit Gottes Hilfe bald große Ochsen werden". Von den Vielschreibern sagt er, sie seien im Himmel eigentlich zu Wasserträgern bestimmt und nur, dank den guten Werken ihrer Vorfahren mit mildernden Umständen bedacht, zu Schriftstellern geworden. Er selbst feilt noch als Greis neu aufzulegende Jugendwerke. Er ist bis auf den heutigen Tag der sorgsamste Handwerker der jüdischen Literatur. Dabei fehlt ihm das Formgefühl etwa im Sinne europäischer Romankomposition. (Deren Verbindlichkeit wäre allerdings zu bestreiten; die Geschlossenheit der epischen Form gibt es ja eigentlich nur in den romanischen Literaturen, allenfalls noch in der englischen, sie verliert sich schon in Deutschland und vollends, je östlicher die Literatur ist, und am Ende wäre in der scheinbaren Dekomposition östlicher Epik bei Dostojewski, Tolstoj usw. wie bei Mendele Mocher Sforim ein anderes, nur eben noch nicht offiziell registriertes Formprinzip aufzuzeigen.) Ebensowenig entspricht die Unwillkürlichkeit, ja Unwilligkeit von Mendeles Künstlertum westlichen Kunstanschauungen. Mendele schreibt nicht zum „Spaß". Seine erste Arbeit ist ein Brief über Jugenderziehung; der Empfänger ließ ihn ohne Wissen des Verfassers drucken. Die vorangegangenen Gedichte und ein „Drama" sind verschollen. Die folgenden Arbeiten sind didaktisch, pädagogisch, naturwissenschaftlich; alle hebräisch geschrieben, alle zeitgemäße Aufklärungsliteratur. In die gleiche Richtung zielt ein Roman aus Mendeles hebräischer Jugendepoche, der an der Enge und der zeit- und volksfremden Literaturhaftigkeit des Haskala-Hebräisch scheitert; in Anmerkungen muß Mendele hebräische Ausdrücke durch jiddische Synonyma verdeutlichen, und 440