Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Jüdische Selbstbekenntnisse
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 438 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach: Jüdische Selbstbekenntnisse Lebensschicksale berichteten. Auch diese Übung hat sich zuerst in Spanien herausgebildet. So erzählt der aus Frankreich vertriebene Menachem ben Aron ibn Serach, gestorben 1385 in Toledo, in der Vorrede zu seinem „Reisevorrat" seine Schicksale bis zum Jahre 1368. In dieser Form haben dann, nach der Vertreibung von 1492, die spanischen Emigranten ihre Erinnerungen hinterlassen: Don Isaak ben Jehuda Abrabanel (in der Vorrede seines Kommentars zum Buch der Könige), sein Sohn Don Jehuda, Josef ibn Jachja, Jehuda Chijat, später noch (1549) Salomo ibn Athia. Dessen Zeitgenosse in Deutschland, der „Judenmeister" Josel von Rosheim (1478—1554), hat in seinen Denkwürdigkeiten die äußeren Daten seiner großen politischen Wirksamkeit vor Kaiser und Reich beschrieben, ohne daß man aus diesen kargen Andeutungen ein Bild der Zeit gewinnen könnte. Umso phantastischer ist in seiner Mischung zwischen Aufschneiderei und Wahrheit das Reisetagebuch des David Reubeni, des pseudo-messianischen „Königs der Juden". Ärzte dieser Zeit wie Josef Hakohen aus Avignon oder de Rossi in Ferrara sind die ersten, bei denen, zusammen mit naturwissenschaftlichen und historischen Interessen, auch das Bedürfnis fühlbar wird, sich selbst von dem eigenen Leben Rechenschaft zu geben. Aber schon seit dem frühen Mittelalter fehlt es nicht mehr an autobiographischem Material: in Epigrammen und anderen Gelegenheitsgedichten, in Grabschriften, Piutim, Bußliedern (Selichot), Memorbüchern, besonders in den Sammlungen rabbinischer Gutachten hat sich vielerlei erhalten. Es gibt, über die ganzen jüdischen Gemeinden verstreut, eine Reihe von „Megillot", in denen für die Errettung aus großer Gefahr ein Festtag (Purim) der Familie oder Gemeinde eingesetzt wird; durch die Einbettung in den Lauf des jüdischen Festjahres, in die Welt der Lehre erst werden Lebensschicksale mitteilenswert. Seit der Wende des 17. Jahrhunderts lassen sich aber nun auch die großen inneren Bewegungen des jüdischen Lebens an Selbstbiographien verfolgen: die von Isaak Luria neubegründete Kabbala an dem „Buch der Visionen" des Chajim Vital aus Safed, der 1620 in Damaskus starb, und die rationalistische Gegenbewegung der nächsten Generation an zwei Selbstbekenntnissen bedeutender Gestalten, die trotz oder vielleicht wegen ihrer inneren Ähnlichkeit im Leben hart zusammenstießen. Denn der unglückliche Uriel Acosta (1585—1640) zerbricht am Kampf gegen ein Christentum, aus dem er zurück zum Judentum strebt, und gegen dieses Judentum, in dem er sich, dogmatisch von christlichem Denken beeinflußt, nicht mehr zurechtfinden kann. Die kurze, innerlich zerrissene „Rechenschaft", die er bei seinem Selbstmord hinterließ, spiegelt die Tragödie dieses frühen Individualisten zwischen zwei Lagern. Die Gegnerschaft des starren rabbinischen Judentums der 438