Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Jüdische Selbstbekenntnisse
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Selbstbekenntnisse arabischen Kulturkreise nämlich bilden sich erst wieder gesonderte Wissenschaften heraus und, im Zusammenhang damit, wird die Tätigkeit des Schriftstellers erst wieder ein Beruf. So entstehen denn auch Selbstbiographien in mannigfachen literarischen Formen. Das „Testament", auch Mussar-Brief genannt, bildet geradezu eine Gattung für sich. Sie hat nichts mit den heutigen Nachlaßverfügungen zu tun, sondern es sind Sendschreiben ethischen Inhalts nach Mustern der Antike, wie z. B. der „Selbstbetrachtungen" des Mark Aurel. Ihr Grundgedanke ist, die Erfahrungen des eigenen Lebens weiterzugeben; doch geschieht das in recht allgemein gefaßten, objektiven Tugendlehren, denen gegenüber persönliche Erinnerungen oder gar Bekenntnisse ganz zurücktreten. Doch mag manches, was jetzt nur noch allgemein „moralisch" klingt, von den Zeitgenossen auch in einem biographischen Sinn verstanden worden sein. Aus dem sephardischen Kulturkreis liegen solche Schriften vor von Abraham ben Chija (1160), Nachmanides (1160), Jehuda ibn Tibbon (1170), Maimonides (1200), Palquera (1250), Josef ibn Caspi (1330), Salomo al Ammi in Portugal (1415); aus Deutschland das Testament des Eleasar ben Samuel Halewi, genannt „der gut Rabbi Salman", der 1357 in Mainz starb. Maimonides z. B. hat auch sonst in Briefen gelegentlich von seinem Privatleben erzählt; doch eben nur gelegentlich, ohne auf solche Notizen Wert zu legen. Eine ganz eigenartige Form, von sich selbst zu erzählen, hat Emanuel aus Rom, der „Heine des Mittelalters", wie ihn Graetz nennt, gewählt: er schrieb (nach 1321) ein Schlußkapitel zu einem Buch des Charisi im Stile von Dantes „Göttlicher Komödie", das, bei allem Ernst der Grundauffassung, sich in Satire und Ironie versucht; und damit verschont der Verfasser auch sich selbst nicht, denn er hält sich darin eine ironische Leichenrede. Einen Vorläufer hat er in dem aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und aus dem arabischen Spanien stammenden satirischen Roman „Geschenk Jehudas des Weiberfeindes", dessen (unbekannter) Autor sich, unter dem Namen Tachkemoni, als Väter des Helden porträtiert. Zu diesen mehr literarischen Formen der Selbstzeugnisse gehören auch die Schriftenkataloge, d. h. Verzeichnisse der Bücher eines Autors mit den Umständen ihrer Entstehung, wie sie z. B. Josef ibn Caspi (1330) zusammenstellte. Von Philo gibt es schon Ähnliches, und das Mittelalter, in dem die Schriftsteller häufig dem Namen nach .gar nicht bekannt sind, sondern nur unter den Titeln ihrer Werke angeführt werden und fortleben, sah mehr in diesen als in den Persönlichkeiten selbst den Geist, über den es Näheres zu wissen verlohnte. Diese Eigentümlichkeit, das Leben, soweit es lebenswert erschien, in Büchern zu suchen, machte die Vorreden neuer Werke zu dem gegebenen Ort, wo die Verfasser über ihre eigenen 437