Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Jüdische Selbstbekenntnisse
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Mendele Mocher Sforim Zeit verkörpert Leone da Modena (1571—1648), der Rabbiner Venedigs, der den Bann über Uriel Acosta verhängte. Auch er hat Memoiren hinterlassen, aus denen ein nicht weniger zerrissenes Leben, ja eine Doppelexistenz hervorsieht. Denn der berühmte Mann, Vorkämpfer des Talmuds, Bekämpf er der Kabbala, schrieb insgeheim rationalistische Angriffe gegen den Talmud, die er bei Lebzeiten nicht drucken zu lassen wagte! Der ehrwürdige Rabbiner erzählt von 26, teilweise recht fragwürdigen Berufen, die er durchlaufen hat, der Rationalist ist gleichzeitig den magischen Künsten der Astrologie und der Traumdeutung ergeben, und als leidenschaftlicher Spieler, der er in seiner Jugend war, hat er gleichzeitig ein Buch gegen das Spielen geschrieben ... Es ist die Grenzspannung der Neuzeit gegen das Christentum, von dem diese beiden Männer, angezogen und abgestoßen zugleich, über das Judentum hinauszublicken, nicht aber zu sich selbst zurückkehren lernten — auch darin Vorläufer mancher späteren Generation. Seither gibt es nun eine zeitlich und räumlich fast lückenlose Folge jüdischer Memoiren, geschichtlich von großem Wert, und doch ist kein Werk großen Stils mehr darunter: das Judentum zog sich in sich selbst zurück, und Menschen, die aus ihm heraustraten, sehen und beschreiben es mit den Augen der Außenwelt. Die beginnende Emanzipation stellt diese Zeit unter besondere, nicht mehr nur jüdische Gesetze; die Grenzspannung eines geschlossenen Körpers nach außen löst sich auf in eine Reihe innerer und äußerer Spannungen, deren Analyse ein Thema neuer Betrachtung wäre. Leo Hirsch / Mendele Mocher Sforim Während einer Debatte, ob das Judentum überhaupt noch Bestand haben würde, rief Mendele Mocher Sforim aus: .„Schön würde Gott aussehen ohne Juden!" Damit war das Problem für ihn erledigt. Die Andern lachten über die wohlgelungene Formulierung und stritten mit ihren bevölkerungspolitischen, statistischen, ethnologischen und soziologischen Argumenten weiter, wie sie es eben verstanden. Tatsächlich war mit Mendele nicht gut debattieren. Er blieb nie beim Thema, er sprühte Paradoxe, hatte über aktuelle Angelegenheiten keine beständig feste Meinung und fand zu keinem Parteidenken einen regulären Zugang. Er hatte zu den Ismen der Politik und der jüdischen Kulturpolitik kein Verhältnis, weil er zu den eigentlichen Lebensfragen das leidenschaftlichste hatte; er, der erste große Fürsprecher des sozialen und nationalen Lebensrechts im jüdischen Osten, ist als sozialistischer oder zionistischer oder sonstweicher Parteimann so unvorstellbar wie in den 439