Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Jüdische Selbstbekenntnisse
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach angefügt: eine Bekenntnisschrift allerdings, aber eine, die sich vom Judentum distanziert, um die Zugehörigkeit zum römisch-griechischen Kulturkreise zu erweisen. So behandelt dieses römische Literatenpamphlet nur ein Jahr (66—67) aus des Josephus Leben und klingt in eine förmliche Invektive gegen seine höfischen Ankläger aus; aber auch hier schimmert noch Jüdisches durch: alte Bindung an die Tradition in einer in diesem Zusammenhang damals ungewöhnlichen Ahnentafel, und Stoffliches in den Mitteilungen über die Erziehung des Josephus, zu deren Abschluß er bei einem Asketen drei Jahre in der Wüste gelebt haben will. Nun schweigen die Quellen wieder fast ein ganzes Jahrtausend lang. Mischna und Talmud sind zwar alles andere eher als Werke anonymen Charakters. Aber die Stimmen, die sich da über Jahrhunderte weg antworten, widersprechen, begegnen, sind entkörpert, klingen nur in der Welt der reinen Lehre nach, nicht in der irdischen Wirklichkeit, an der ihnen nichts liegt. Was sich an Historischem im Bewußtsein erhält, wird, in Midrasch und Haggada mit immer neuem Geflecht der Volkspoesie übersponnen, in das Gebiet der Parabel, der Fabel, der Sage entrückt. Und in der Halacha selbst ist „der Sinn für das Objektive . . . durch eine schon in der alten Halacha vorherrschende Dialektik, durch eine die Individualität des Schriftstellers und Gegenstandes aufhebende und zersetzende Abstraktion zurückgedrängt" (Steinschneider). Es ist der äußerste Gegenpol zu unserem „historischen" Zeitalter: wo alles auf die geschichtslose Einheit der Lehre ankommt, die sich über Zeit, Raum und Zufälle der Überlieferung hinweg bewahrt hat, kann man sich selbst die Erzväter, die doch noch nichts vom Sinai wissen können, nur Tora lernend vorstellen. Ein neues Buch, einem älteren Verfasser zugeschrieben, wirkt stärker und glaubwürdiger, als es das unter dem Namen des eigentlichen Autors täte. Und wie Stellen aus Tora oder Talmud ohne Rücksicht auf den Satzzusammenhang, ja auf den Wortsinn der betreffenden Stelle die Grundlage neuer Deduktionen bilden können, so erscheinen persönliche Einzelzüge nur noch als symbolisches oder dialektisches Mittel, nicht als Zweck eines Persönlichkeitsbildes. Die Zeit, der Raum, die geschichtliche Wirklichkeit sind um der Einheit der Lehre willen sozusagen stillgelegt. Aber eben die Sorge darum, die Einheit, Reinheit und Lückenlosigkeit der mündlichen Überlieferung zu begründen (auch z. B. polemisch den Karäen gegenüber), drängt schon in den „Pirke Awot" (Sprüchen der Väter) der Mischna und später in eigenen Werken dazu, die Kette der Tradition von Geschlecht zu Geschlecht mit den Namen der jeweils führenden Gelehrten zu belegen. Bei diesen Gelehrtenlisten setzte dann allmählich auch wieder biographisches Interesse an, als in der arabischen Kultur der Einzelne stärker in den Vordergrund zu treten begann. Im spanisch- 436