Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Jüdische Selbstbekenntnisse
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Selbstbekenntnisse des Dienstes an einer Idee, aus denen doch große Leistungen der neuzeitlichen Kultur entstanden sind. Eines der biblischen Bücher kann nun, da es wenigstens teilweise in der Ich-Form erzählt wird, für eine wirkliche Selbstbiographie gelten: es ist das Buch Nehemia (450 v.). Der vornehme babylonische Hofbeamte zeichnet im Stil der Geschichtsschreibung seiner Zeit seine politischen Taten für die Nachwelt auf; die Bibel aber hat dieses hervortretende Ich zu dem unpersönlichen Chronistenton abgedämpft, der nur noch die Sache ins Licht setzt und selbst im Hintergrund bleibt. Aber es ist genug Zeitstimmung darin erhalten geblieben, um die Grenzspannung zur babylonischen Kultur noch durchzufühlen, obwohl die benachbarten vorderasiatischen Völkerschaften für die politische Auseinandersetzung im Vordergrund stehen. Ein halbes Jahrtausend später, bei Philo, weicht die Grenzspannung dem Versuch einer Synthese: es geht um die lebensmäßige Vereinigung der griechischen mit der jüdischen Kultur. Der alexandrinische Philosoph hat in der Beschreibung der von ihm geführten Gesandschaft an Caligula eine wichtige politische Episode seiner Zeit festgehalten. Weit merkwürdiger ist jedoch seine eigentliche Selbstbiographie. Denn der Hellenismus entwickelt zuerst die Kunst, aus vielen kleinen Einzelzügen ein Porträt zu zeichnen, und so spricht Philo, wohl zum erstenmal in der Weltliteratur, von persönlichen Schriftstellererfahrungen, die das Werk auch heute noch „modern" erscheinen lassen. Aber das eigentliche Thema seines Lebens und seiner Lebensbeschreibung ist die Religion; mystische Ekstase und göttliche Inspiration bilden ihren wesentlichen Inhalt. Doch dieses ganz jüdische Thema wird in die festen abstrakten Denkformen griechischer Begriffe gepreßt, und so erscheint das unbegrenzte, verfließende Gefühl wie in einem Eisblock begrifflicher Stilisierung aufbewahrt. — Auch König Herodes hat zu dieser Zeit sein Leben selbst dargestellt; das Buch ist nicht erhalten, würde aber schwerlich die Erwartungen eines heutigen Lesers erfüllen, sondern die damals übliche Form einer völlig idealisierten, steifen Rhetorenleistung zeigen, von der wir andere Muster kennen: eine Form, der es durchaus nicht auf die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, dafür aber auf ein heroisches Monumentalporträt ankommt. Aus der römischen Endzeit des Hellenismus stammen die heute noch oder heute wieder gelesenen, vielfach autobiographischen Werke des Flavius Josephus (90 n.). Dem Führer im Jüdischen Krieg, der dann römischer Literat geworden ist, wird seine Vergangenheit wieder und wieder mißtrauisch vorgerückt. So ist schon seine — als Quelle unersetzliche — Beschreibung des Jüdischen Krieges wesentlich auf die eigene Rechtfertigung zugeschnitten, und den „Altertümern" hat er noch einen eigenen „Lebenslauf" 435