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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 434

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Jüdische Selbstbekenntnisse
Date
1936-01-01
Page
434 (sequence 2)
Language
German
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Hans Bach Trifft also schon die erste Voraussetzung nicht zu, unter der wir unbewußt auch die jüdischen Selbstdarstellungen anzusehen geneigt wären, weil ihnen eine andere Auffassung des „Selbst", der Persönlichkeit, zugrunde liegt, so gibt es auch der „Darstellung" des eigenen Selbst gegenüber im jüdischen Bereiche Hemmungen, die sonst wegfallen. Denn der instinktsichere Jude ist zwar veranlaßt, die Spannungen zwischen sich und der Umwelt, also die äußeren Bedingungen seiner Existenz, mit wachen Augen zu übersehen, aber Reflexion über sich selbst liegt ihm nicht (— sie ist eben der Ausdruck dafür, daß eine in sich gespaltene Persönlichkeit um Einheit ringt): „seinem Leben ist wichtiger, was er zustande bringt als was ihm widerfährt" (Buber). Wie also jüdische Geschichtsschreibung vor dem 19. Jahrhundert nur die eine überragende Idee hervorgebracht hat, das wechselnde Schicksal Israels in seiner Beziehung zu Gott in der Bibel festzuhalten, so gibt es zwar viele und große jüdische Denker, aber nur wenige Werke über das Judentum von ihnen. Franz Rosenzweig weist darauf hin, daß der zentrale Gedanke der Auserwähltheit Israels nirgends in dogmatische Form gefaßt worden, sondern immer lebendiges Geheimnis geblieben ist: das Denken macht vor einem bestimmten Punkt des Lebens halt, ohne die restlose Darstellung im Geiste zu versuchen. Und wie deshalb die jüdische Philosophie einen Anstoß von außen braucht, um ihre Gedanken auf das Judentum selbst zu richten, so gibt es auch jüdische Selbstbiographien als Selbstbekenntnisse nur aus den Zeiten geschwächter Kraft, nur aus den Bezirken einer scharfen Grenzspannung zu einem Außerjüdischen, an dem die besondere Art des Jüdischen sich erkennt und mißt — oder dem sie verfällt. Hinter jedem dieser Zeugnisse steht die Diaspora mit ihrer Drohung, aber auch mit dem Segen, mit der Bereicherung des eigenen Wesens, das sich in der Auseinandersetzung mit einem Fremden bewährt und kräftiger zu sich selbst zurückkehrt. Eine Ausnahme gibt es nun freilich, eine echt jüdische Form, von eigenem Leben zu erzählen. Es ist die Art, wie in den Psalmen ein ungenanntes Ich Zwiesprache mit seinem Gotte hält und, individueller, wie die Propheten von ihrer Berufung erzählen. Es ist immer die gleiche Situation: der Augenblick und die Art, in der die Berufung über sie kam. Hier hat einmal das Private, ja das Persönlichste seinen Platz; aber das Leben vorher bleibt meist im Dunklen, das spätere ist ihr Prophetentum, in das alles Persönliche mit eingeht — über der Sendung wird das Schicksal gleichgültig. Und dieses, man möchte sagen Grundmodell der jüdischen Persönlichkeit, der Hingabe an die höhere Aufgabe, der Selbstentäußerung ohne Verzicht auf eigene Persönlichkeit, ja deren endgültige Erfüllung erst im Einklang mit dem Überpersönlichen zieht sich durch die Jahrhunderte hin bis zu den säkularisierten Formen 434

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