Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Jüdische Selbstbekenntnisse
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 433 (sequence 1)
- Language
- German
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Hans Bach / Judische Selbstbekenntnisse Sein Leben zu beschreiben erscheint einem heutigen Menschen als nichts Ungewöhnliches; er kennt genügend Beispiele solcher Werke aus der Gegenwart und näheren Vergangenheit. Denn das 19. Jahrhundert zeigt eine plötzliche Blüte dieser Gattung, eine reiche und vielfältige Zahl der Werke und Typen. Doch vorher gibt es Jahrhunderte ohne ein einziges solches Werk, und immer werden kurze Blütenzeiten der Gattung erkennbar, die mit langen Strecken der Leere abwechseln. Denn die Selbstbiographie ist nicht ein einfaches, sondern ein höchst kompliziertes Gebilde, abhängig von vielen Voraussetzungen, die nur selten zusammentreffen: ein bestimmtes Spannungsverhältnis des politischen zum privaten Leben, eine Mischung von Tradition und Freiheit, von Selbstbewußtsein und Einordnung gehört dazu — kurz die Bedingungen, unter denen sich ein Persönlichkeitsbegriff so bilden kann, wie es im 19. Jahrhundert der Fall war. Diese Bedingungen sind in der Geschichte nur wenige Male aufgetreten. Trotzdem gibt es den Typ der griechischen Rhetoren-Biographie, der römischen Kaisermemoiren, es gibt aus einzelnen Zeiten noch höfisch-barocke, pietistisch-psychologische Erinnerungen, — doch eine repräsentative jüdische Selbstbiographie gibt es weder als Typ noch als einmaliges Muster der Gattung in dem Sinne, wie man etwa Augustins „Confessionen" als christlich ansprechen kann. Überhaupt zeigt es sich, daß das 19. Jahrhundert allein mehr jüdische Selbstdarstellungen hervorgerufen hat als fast drei Jahrtausende zusammen. So verschieden die Gründe dafür sind, so gehen sie doch alle auf zwei Merkmale zurück: der jüdische Mensch früherer Zeiten will weder historisch denken noch die tägliche Wirklichkeit als etwas Wertvolles anerkennen, das beschrieben zu werden verdiente, auch wenn sie ihn selbst und sein eigenes Erleben betrifft. Historisch denken heißt sich selbst von außen, mit den Augen der Geschichte sehen. Und auch die kleinen Züge den täglichen Wirklichkeit können nur dann Bedeutung gewinnen, wenn sie, aneinandergereiht, die Entwicklung einer Persönlichkeit, d. h. auch wieder den Menschen als geschichtliches Wesen zeigen. Insofern aber bedeutet geschichtliches Denken eine Relativierung der Stellung des Menschen zu Gort, und der Historismus des ,19. Jahrhunderts hat auf das Judentum, dem es allein auf diese Stellung zu Gott ankommt, dieselbe auflösende Wirkung ausgeübt wie der Rationalismus des 17. Jahrhunderts auf die vorher ungebrochene christliche Gläubigkeit. 433