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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Die schöpferische Diaspora
Date
1936-01-01
Page
431 (sequence 4)
Language
German
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Die schöpferische Diaspora menschlichen Zusammenlebens: um Gerechtigkeit. Gewiß ist das Leben mannigfaltig und widerspruchsvoll; doch bleibt als seine jüdische Grundtendenz die soziale, diesseitige, erdgebundene Aktivität bestehen. Mit ihr gibt es stets Möglichkeiten; ohne sie ist der Untergang sicher. Seelische Voraussetzung dafür ist nicht die revoltierende Ablehnung, nicht die rechtfertigende Resignation, sondern eine diesseitige Hoffnung, die in die Zukunft verlegt wird und zum sozialen Optimismus führt. Da aber das Menschenschicksal an und für sich offenbar keine Handhabe zum Optimismus gewährt, so wird er durch Gottes Fügung, in einer der sozialen ähnlichen Beziehung zu Gott — rechtlich, vertragsmäßig, auch strafsühnend — unterbaut. Religiös fundierte, erdgebundene soziale Einstellung wird Voraussetzung und Ergebnis (was auf die Dauer auf dasselbe hinauskommt) einer werteschaffenden Diasporagemeinschaft. Es war der grundlegende Irrtum in Nietzsches Ideen über die Ressentiment-Moral, daß er — obgleich er die Beziehungen der Religionen zur Reaktion der Unterdrückten, der Entbehrenden, der „Niederen" klar sah — das „Niedere" im soziologischen und moralischen Sinne zu einfach zusammenwarf und daß er den Unterschied zwischen ungleichen Reaktionsarten übersah. Drei der möglichen Welteinstellungen wurden bei ihm zu einer einzigen, deren Bild demgemäß alle drei entstellt wiedergab. Diese Weltansichten konnten aus der jüdischen Diasporagemeinschaft hervorgehen, weil sie, als Ausnahme, soziales Leiden mit kulturschöpferischen Funktionen, soziale Unselbständigkeit mit kultureller Selbständigkeit verbindet. Geblieben ist in ihr aber nur das, was dem Diasporadasein entspricht und damit dem Kern des Judentums angehört. Das Judentum hat weder die mystische Intensität noch die metaphysischen Gedanken noch die mögliche künstlerische Beschaulichkeit weiterentwickelt, die in der Linie einer auf das Überweltliche gerichteten Weltansicht liegen. Erdgebundene und sozial gerichtete Aktivität ist seine Triebfeder. Fausts Endwort ist sein erstes Wort. Deshalb auch konnten zu einer Epoche des großartigsten diesseits begründeten realistischen Sozial- und Kulturschöpfertums, wie es die neueuropäische Kultur der letzten Jahrhunderte wurde, jüdische Überlieferungen, Ideen und Menschen einen so beträchtlichen Beitrag stellen. Die andere Seite der selben gleichsinnigen Entwicklung trat in großer Assimilationsfähigkeit zutage. Das Ziel der neueuropäischen Epoche für den ganzen Bereich der Kultur war im engen sozialen Bereich des Judentums im Keim schon vorgebildet.; Im Judentum ist allerdings der soziale Optimismus, die erdgebundene Aktivität religiös ftindiert; in der säkularisierten Welt jedoch fällt diese Basis weg. Dadurch entsteht das Bedürfnis nach neuer Begründung, und aus ihm entspringen mancherlei Neubil- 431

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