Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Die schöpferische Diaspora
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 432 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Grigori Landau: Die schöpferische Diaspora düngen, mit denen das Judentum selbst nichts zu tun hat. Dadurch entsteht auch für die Judenheit die Gefahr, Verschiebungen solcher Art nicht rechtzeitig zu gewahren und — ihrer Teilverwandtschaft wegen — sogar mitzumachen. III. Die drei Antworten Es gibt zwei Vorgänge im menschlichen Leben, die entscheidend für die Entwicklung des Geistes, für die Kultur, für die Weltanschauung sind: Schaffen und Leiden. Sie bilden die letzten Grundlagen des Daseins. Tausendfach berühren sie sich, erzeugen sich gegenseitig; insbesondere ruft Leiden Schöpfertum hervor. Unmittelbare Antwort auf das unabwendbare Leiden des Menschenlebens gibt die Religion. Es kann darin grundsätzlich drei Lösungen geben. Die erste ist der Verzicht auf diejenigen Lebensregungen, deren Entstellung oder Zurückdrängung das Leiden selbst verursacht. Wenn man die Forderung abtötet, so fällt auch die Qual der Nichterfüllung fort. Das ist der Sinn der indischen Religionsphilosophien, die große orientalische Konzeption. Die zweite Antwort besteht darin, daß man die Nichterfüllung in der Schwebe läßt, indem man die Erfüllung nicht in der hiesigen, sondern in einer anderen Welt erwartet. Es kann — in naiver Weise — selbst die diesseitige Erfüllung in ihrer lebendigen Fülle als Erwartung dorthin versetzt oder — in ungeheurer mystischer und metaphysischer Vertiefung — die Offenbarung des Sinnes diesseitiger Leiden und ihre göttliche Aufhebung erwartet werden. Die dritte Antwort ist der Versuch diesweltlicher Erkenntnis und Überwindung des Leidens. Den religiösen Aspekt dieser Antwort gibt das Judentum, ihren weltlichen die neueuropäische Kultur mit ihren grandiosen „technischen" Leistungen und Errungenschaften, die naturgemäß nur mindere Übel überwinden, indem sie sie aus dem Bereiche der Theodizee in den Bereich der Medizin, der Technologie, des sozialen Aufbaus hinüberleiten, gewissermaßen verflachen, teilweise auch aus dem Wege räumen, während sie die „letzten Fragen" offen lassen. Ob diese Antworten die Aufgabe erschöpfend lösen und welch großartige Mannigfaltigkeit der Kulturen sich aus ihnen entfalten kann, die das Leben von Millionen durch Jahrtausende beherrscht haben — darüber gibt die Geschichte Zeugnis. Der Weg kann eintönig oder reich und abwechselnd sein, beglückend oder trostlos, er kann sich in einem Labyrinth winden oder geradeaus in die Ewigkeit fortschreiten, — eine kleine Tafel an seinem Anfang kann ebenso gut das Ziel einer nur kurzen Strecke wie auch eines Fortschreitens in die Unendlichkeit angeben. Sie sagt nicht im voraus, was man vorfinden, sagt nicht, wohin man gelangen wird, sie sagt nur, wohin man geht. Und das ist schon viel. 432