Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Die schöpferische Diaspora
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 430 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Grigori Landau vorbestimmt; sie kann nicht einmal anders untergehen als zusammen mit dieser Gesellschaft. Die Menschen, die danach trachten, sich aus dieser Lage ewiger Angst oder dumpfer Unterwürfigkeit zu befreien, können den Ausweg in der Verneinung der Gesellschaft überhaupt oder ganz außerhalb der Welt suchen. Im ersten Fall tobt ein blinder Aufruhr gegen die Gesellschaft, wenn auch im Bewußtsein, daß mit dieser Gesellschaft vielleicht auch ihre unterdrückten Schichten untergehen werden; es ist die apokalyptische Welteinstellung. Im zweiten Fall ist ein Ausweg nur außerhalb dieser Gesellschaft, außerhalb dieser Welt möglich, also in einer anderen Welt. Dort können die Letzten die Ersten werden, dort können Gerechtigkeit und Barmherzigkeit obwalten, dort triumphiert Gottes Reich. Und da diese Welt außerhalb unserer Erfahrung und Kontrolle liegt, so kann man seine Wünsche nach höchster Seligkeit und voller Erfüllung in sie hineinverlegen. Zur Wirklichkeit wird hier das Transzendente; die reale Welt lernt man wie im Weiten sehen. Es ist keine soziale Lösung des sozialen Leidens. Im Gegenteil, sie kann sogar ins Antisoziale überschlagen, denn sie leitet die Sehnsucht und die Anstrengungen aus dieser Welt in eine andere über; ihre Sehnsucht ist, einen seligmachenden Trost für die Übel dieser Welt in der anderen Welt zu finden und zugleich eine Rechtfertigung dafür, ihnen auf dieser Welt nicht zu widerstreben. Diese Einstellung erhält eine ungeheure Verbreitung und Intensität. Denn Übel sind ja nicht nur sozial bedingt; alles Leben ist — schon durch Unglück, Nichterfüllung und Sterben — mit Übeln und Lasten vollbeladen; und der Trost des Überirdischen kann für alle Leidenden und Belasteten zum individuellen Trost werden. Die Lösung ist individuell-religiös. Große Religionen, auf dieser Grundlage aufgebaut, beeinflussen in großartiger Entwicklung rückwirkend das ganze Leben. Im Unterschied zu den unteren Gesellschaftsschichten ist eine Diasporagemeinschaft wie die jüdische kein unentbehrlicher Bestandteil der Gesellschaft; sie kann untergehen, auch wenn die Gesellschaft bestehen bleibt, auch kann sie in ihr gedeihen oder sie verlassen. Somit ist hier weder mit Rebellion, noch mit Resignation oder außerweltlichem Trost das Bewußtsein zu stillen. Nur d i e Gemeinschaft kann in dieser Lage bestehen, die sich aktiv mit höchster Kraftanspannung in der Welt selbst behauptet; und eine Gemeinschaft, die bestehen blieb, muß also mit diesen Eigenschaften versehen gewesen sein. Zugleich aber ist diese Aktivität keine Kraftanstrengung von Machtträgern, die ihr Gesetz der Umwelt aufzwingen wollen, denn ihre Voraussetzung ist die Abhängigkeit einer Diasporagemeinschaft von fremder Herrschaft. So wird der Kampf um Selbsterhaltung nicht ein Kampf um die Macht, sondern um die Möglichkeit 430