Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- Die schöpferische Diaspora
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 429 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Grigori Landau: Die schöpferische Diaspora unten aus. Wenn Schichten minderen Rechts und minderer Macht sich mühsam dem Kulturscharfen nähern, so finden sie eine fertige Kultur vor, die sie aufsaugt oder unterdrückt. Werden doch sogar die großen „Selbstbefreiungsbewegungen" der unteren Schichten gewöhnlich von Überläufern aus den oberen entfacht und geführt. Gracchen sind keine Plebejer. Die Judenheit unterscheidet sich von den unterdrückten und belasteten Unterschichten dadurch, daß sie, wenn auch keinen vollständigen Volksorganismus, so doch eine gegliederte Gemeinschaft mit eigenen höheren Schichten und eigenen schöpferischen Funktionen bildete. So vermochte sie auch Gefühle, Gedanken und Taten, die als Reaktionen gegen ihre Lage ausgelöst worden waren, in Bilder und Ideen, in Überzeugungen, Gebote und Institutionen umzusetzen. Diese schöpferische Umsetzung der typischen Reaktionserscheinungen auf die Lage des Judentums als einer machtlosen Gruppe unter wechselnden Machtverhältnissen der Umwelt führte zur Konzeption der ihm eigentümlichen sozialen Ethik: seine eigenen Übel und Leiden überwand es in dem Wunsche solcher Überwindung in der ganzen Welt. Andere Kulturen kennen eine so zentrale Stellung der sozialen Ethik nicht; denn das soziale Leiden war für die leitenden Schichten, die die Kultur schufen, keineswegs entscheidend, und die Schichten, die es als das Entscheidende erlebten, hatten nur geringen Anteil an dem Kulturschaffen. Dieser sozial-ethische Drang im Herzen des Judentums ist das Ergebnis seines Diasporadaseins. Aus eigener Erfahrung der gesamten Gemeinschaft erwuchs eine allgemeine, religiös geheiligte Aufgabe. Der Dekalog und das Deuteronomium, die Propheten und die spätere rabbinische Gesetzauslegung, wichtige Institutionen des eigenstaatlichen Lebens und der Diasporagemeinden, das Hauptinteresse des tausendjährigen geistigen Lebens, der Einfluß auf die Umwelt — all das zeugt davon in verschiedenen und veränderlichen Aspekten, direkt und indirekt, im Aufbau und sogar auch in Zerstörung, in fernen Projektionen und in täglicher Kleinarbeit. Die treibende Kraft, das Pathos, das Genie des Judentums liegt in seinem sozialen Ethos zu Gott, zur Welt, zum Leben. II. Erdgebundenheit Soziales Ethos kann jedoch verschieden gerichtet sein. In der Geschichte ändert sich die Struktur jeder Gesellschaft, aber in jeder Periode sind die unteren Schichten ein lebenswichtiger Teil davon. Wohl kann ein Mensch ausnahmsweise sich vom gemeinsamen Schicksal freimachen, die Lage der Schicht selbst ist aber festgelegt. Ihr Platz innerhalb der Gesellschaft — also auch in der Welt — ist 429