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Der Morgen · 1936-01-01 · Heft 10 (Januar 1936) · p. 428

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 10 (Januar 1936)
Article
Die schöpferische Diaspora
Date
1936-01-01
Page
428 (sequence 1)
Language
German
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Gngori Landau / Die schöpferische Diaspora I. Soziale Ethik Aus den Lebensbedingungen eines Volkes, aus seinem Milieu heraus erwächst seine Einstellung zur Welt. Dieser Vorgang aber kann sich auch umgekehrt vollziehen: der Volksgeist kann Bedingungen, die für die von ihm selbst gestellten Aufgaben passen würden, aussuchen oder schaffen. So oder so: es muß eine enge Beziehung bestehen zwischen den bleibenden Lebensbedingungen eines Volkes und seiner geistigen Haltung. Die Grundlage der jüdischen Geschichte ist die Diaspora. Also muß die jüdische Lebensauffassung ihr entsprechen. Zwei Merkmale sind der Diaspora eigen: die Abhängigkeit von fremdem staatlichem Willen und zugleich eine Art von Gemeinschaftsleben selbst in der Zerstreuung. Die Abhängigkeit führt zu Unsicherheit, Begrenzung der Lebensmöglichkeiten, Überlastung, Demütigung; sie führt zu Unterdrückung, oder wenigstens zu deren Gefahr. Die Reaktionen darauf können mannigfaltig sein. Manche unter ihnen sind jedoch so beständig, daß die von ihnen bewirkten Wesenszüge — vielleicht nur Schattierungen — innerhalb der Gemeinschaft überwiegen und dadurch ein im großen und ganzen dauerndes Gepräge mitbilden helfen. Der allergrößte Teil der Menschheit ist unterdrückt, überlastet, begrenzt in seinen Rechten. Jedoch vermag diese belastete Menschheit nicht aus ihren Reaktionen auf diese Lage eine Weltanschauung zu gewinnen, denn sie vermag überhaupt keine eigenen Kulturwerte zu scharfen. Diese belastete Menschheit ist eben keine innerlich ganze, „abgeschlossene" Gruppe mit allen — zumal auch den geistig-schöpferischen — Funktionen; sie nimmt in jeder Gesellschaft deren niederste Stufen ein: es sind die Parias, Sklaven, Leibeigenen, Mittellosen, verschiedenen Stufen minderen Rechts usw. Über ihnen erheben sich freie, reiche, unabhängige, herrschende Oberschichten, welche Muße, Voraussetzungen und Hilfsmittel zum geistigen Schaffen besitzen. Das Schöpferische außerhalb ihrer Reihen muß, wenn es nicht verdrängt und entkräftet wird, auf ihre Bahnen hingezogen oder unter ihren Einfluß gestellt werden. Im allgemeinen wird ja die Kultur von oben gestaltet, von den oberen Schichten oder ihrer Obhut. Die Kultur ruht nicht auf dem Boden der Gesellschaft, sondern breitet sich von deren Gipfel nach 428

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