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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 412

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Parteibefreites Judentum [Rezension]
Date
1935-12-01
Page
412 (sequence 1)
Language
German
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„Parteibefreites Judentum1 In stark betonter Absicht nennt Ignaz Maybaum seine Sammlung von sechs im Gegenstand wie in der Behandlung gleich gewichtigen Abhandlungen „Parteibefreites Judentum" (Philo - Verlag, Berlin) Es geht ihm um eine eigene Erfassung jüdischer Wirklichkeit, an der sich nicht mehr die verzerrenden Kräfte von Parteien zu schaffen machen — jene Kräfte also, die sich mit der Zeit und infolge der Zeitlage aus einem elementaren Bestand jüdischen Daseins zu einer falschen Verabsolutierung einer Seite entwickelt haben. Es kommt ihm darauf an, in der Ganzheit, die wir Judentum nennen und die keine Ideologie ist, sondern eine Existenz, jetzt und hier lebensnotwendige Energien lehrender Führung und priesterlicher Gemeinschaft aufzurufen; so aber, daß sie sich von überlebter „parteilicher" Bindung befreien und in echter Verantwortung vor dem Ganzen für das Ganze wirken — nicht für einen Teil, der sich selber (und das ist ja eigentlich das Wesen oder Unwesen aller Parteien) für den einzig berechtigten Vertreter des Ganzen hält. Es versteht sich, daß der Beitrag, den „das Buch eines Rabbiners aus einer jüdischen Gemeinde in Deutschland" liefert, seine zeit- und ortsbestimmte besondere Note hat und daß es seinen Einheitswillen und seine Schau des Ganzen von der Lebensstelle her empfängt, die der Autor einnimmt: Maybaum läßt keinen Zweifel daran, daß er von liberal betonter Seite herkommt, und daß es ihm in dem Ringen, das gerade im jüdisch-religiösen Liberalismus aus innergeschichtlicher Notwendigkeit am deutlichsten offenbar wird, geboten erscheint, gerade von dorther uns in positiv kritischer Arbeit der Einigung zu dienen. Maybaums zentrale Position ist stark und beinahe bekenntnishaft an dem Werk Franz Rosenzweigs orientiert; man mag sie als eine „religiöse" bezeichnen — denn wir haben nun einmal (außer dem genaueren, aber noch nicht zum Allgemeingut gewordenen Namen „Theopolitik") keinen anderen Ausdruck. Es darf hier vielleicht angemerkt werden, daß gerade Rosenzweig im „Stern der Erlösung" das Wort „religiös" mit voller Absicht vermieden hat. Wichtig aber ist, festzustellen, daß Maybaum von einem sogenannten „Konfessionsjudentum" weit entfernt ist: er weiß auch da, wo er selber formuliert, daß die jüdische Existenz in keiner wie immer gearteten Formel einzufangen ist. Wir fügen hinzu: für dies Schicksal, das nur in einem gelebten Vertrauen zu ertragen ist und in dem Abfall wie Bewährung ihren furchtbaren und erhabenen Ausdruck finden, eine Formel zu suchen und zu finden — das bleibe unseren Gegnern überlassen. Was an Maybaums Schrift auffällt, ist die Tatsache, daß an vielen Stellen gleichsam die Fäden heraushängen, aus denen ein Gewebe erst werden soll; was aber wirklich „zu Wort" kommt, das klingt von einem Hintergrund großer jüdischer Welthaltigkeit her: man liest und möchte manchmal, das gedruckte Buch aus der Hand legend, die Zwiesprache mit dem Autor beginnen. Vielleicht muß das bei jedem jüdischen Buch so sein. Damit wäre ja erreicht, wo- 412

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