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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 410

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Berthold Goldschmidt und eine palästinensisches Hirtenlied
Date
1935-12-01
Page
410 (sequence 4)
Language
German
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Hans Nathan das Thematische und sein Gestus gilt, — bezeichnend dafür, daß er mehr Instrumentalals Vokalmusik geschaffen hat. So schreibt er einen ganz schlichten, vierstimmigen linearen Satz hin. Dem Baß nimmt er seine Fundamentschwere: er formt ihn (im Allegretto) zu einer selbständigen und burlesken Ergänzung des Themas. — Er verzichtet darauf, die in sehr vielen palästinensischen Liedern mehr oder weniger latente Harmonik nur koloristisch anzudeuten: er spricht sie vielmehr ganz aus, ohne Zögern. Nichts Skizzenhaftes, Ahnungsvoll-Verschwimmendes, „Gehauchtes", sondern Eindeutiges, Umrissenes, „Genanntes", das erst von seiner kompakten Irdischkeit aus in übermenschliche Bezirke hineinragen darf. Das Thema ist sozusagen schon die erste Variation. Die folgenden eigentlichen Variationen verwenden die im Thema schon ins Bachsche umgedeuteten Motive nun ganz frei und von jeder Herkunft gelöst; häufig (aber nicht ständig) wird Bachsclu' Variationenlechnik aufgeboten. Es ist wesentlich, daß die ganze Umdeutung des Liedes ins spezifisch Musikantische stillschweigend vorausgesetzt, in geistreichen Apercus gesteigert, durch schöpferische Anwendung immer neu gerechtfertigt und in stark motorischer Verarbeitung, den ganzen Anfangsvorgang krönend, bestätigt wird. Die Variationen sind wie kleine, intime Kupferstiche, die aus feinen, zierlich getüftelten wie auch energisch gerissenen Linien bestehen. Sie stellen die Essenz eines musikalischen Einfalls dar, die eleganteste Lösung, wie der Mathematiker sagt: spielerisch, verspielt, witzig, dann wieder stürmisch wühlend, turbulent, weitausholend mit festen Akkordsäulen wie eine alte Orgeltoccata. Nur zwei langsame Stücke sind darunter, voneinander durch ein spritziges Allegro getrennt: das erste wie versteinert in sich ruhend, das zweite voll heftigem barockem Pathos; beide stehen am Schluß vor der Fuge, — also auch sie nur als Vorbereitung für Bewegung gedacht. Goldschmidt hat unbestechliches Formgefühl. Strenge ist ihm Voraussetzung. Die kontrapunktischen Feinheiten wirken in der Stille. Wir nannten unser Problem die Begegnung eines Künstlers der Galut mit einer Schöpfung Erez Jisraels. Goldschmidt ist dabei er selber geblieben und noch mehr er selber geworden. Das Lied hat er sich zu eigen gemacht: er hat es in die Dynamik seines Lebens- und Schaffensbereiches gefügt. Hätte er sich den Gesetzen des Liedes unterwerfen sollen? Es wäre wie ein Weggeben, wie ein lügnerisches Sich verwandeln in ein Exotisch-Fernes gewesen, denn zwischen der nervösen, geistreichen Melodik des modernen Hamburger Juden Goldschmidt und der naiven, wie eine Frucht gewachsenen des palästinensischen Hirten Seira liegt eine beträchtliche Strecke Wegs. Hätte Goldschmidt dem Lied sich fügen, seine Farbe, seine Wärme verstärken und in den Variationen steigern können? Das wäre für ihn ein Erlahmen oder sogar ein Erliegen gewesen. Denn die „treue" Gestaltung dieser bestimmten Atmosphäre, dieses Hauches der Natur hätte ihn auf romantischen Standort zurückgeworfen. Er konnte den Kreis seiner Persönlichkeit nicht aufreißen, — er bleibt ein Komponist, 410

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