Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Berthold Goldschmidt und eine palästinensisches Hirtenlied
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 408 (sequence 2)
- Language
- German
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Hans Nathan (Text des Liedes in freier Übersetzung: „Sieh, ich spiele auf meiner Flöte in der Stille der Nacht, es horcht der Mensch, es lauscht das Schaf auf dieses Lied, auf diesen Sang. Von der Herde verlor sich ein Böcklein (in einer späteren Strophe: Mädchen), nicht umsonst, nicht umsonst, denn es kam in mein Zelt, als ich zur Arbeit ging.") Goldschmidt verändert schon die Bezeichnung Allegro (d. h. fröhlich, lebhaft) in Allegretto. Das bedeutet: er verschärft den rhythmischen Impuls im Lied zum Tänzerischen, zum Grazilen und Spitzfüßigen. — Die Wahl dieser Fassung, die Veränderung des Tempos und des Interpretationscharakters sind Zeichen dafür, daß sich die musikantischen Kräfte des Komponisten — Eigenschaften aller modernen Musiker — durchsetzen. Entscheidend für Goldschmidts Stellung zu seinem Vorwurf ist aber, daß er das Lied nach Motivteilen ordnet, also phrasiert. Bei Berücksichtigung des Vokalcharakters hätte er nur wenige Cäsuren eintreten lassen dürfen, — denn kaum abgesetzt, mit Verschleifungen und Dehnungen muß es gesungen werden, nach der extremen Fassung Dessaus; auch in der metrischen Notation von Rabinowitz werden die Motive zu kleinen, leichten ornamentalen Schnörkeln. Goldschmidt teilt es aber auf, und zwar nach Melodieteilchen (vor allem im Piu lento), architektonisch nach eigenmusikalischem Gesetz. Eine ähnliche Art der Phrasierung nach kleinen Teilen findet man besonders in der Barockmusik. Goldschmidt nimmt das Lied, das dem Sänger gleichsam nur als Folie dient, „wörtlich", d. h. ganz als musikalische, nur auf sich bezogene Gestalt. Und wenn dann dazu die „trockene" Interpretation tritt, die die Töne im non-legato, wie es mir der Komponist selber öfter am Klavier so angegeben hat, mehr nebeneinander setzt als aneinander bindet, so kommt das dem, speziell bei Barockmusik angewandten, Detache der Geigen gleich, dem agierenden Auf- und Abstrich bei jedem Ton, dem häufigen Wechsel von An- und Absetzen. Durch die Umdeutung wird nun aus dem Lied ein Thema, dessen Elemente denen Bachscher Formsprache verwandt sind. 408