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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 407

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Berthold Goldschmidt und eine palästinensisches Hirtenlied
Date
1935-12-01
Page
407 (sequence 1)
Language
German
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Hans Nathan: Berthold Goldschmidt und ein palästinensisches Hirtenlied Berthold Goldtschmidt, der sich durch Jahre der Arbeit und Intuition, immer schärfer und wacher werdend, zu einem ausgeprägten Stil durchgekämpft hat und jetzt auf eigenem, schwer erworbenem Boden steht, setzt sich in Klaviervariationen („Variationen über eine palästinensische Hirtenweise", Jibnehverlag) mit einer Volksmelodie Palästinas auseinander. Goldtschmidt ist zunächst ein Vertreter der jungen, um Geltung ringenden Musik seines Jahrhunderts. Er ist Jude seiner Mentalität nach, selbstverständlich und gelassen, ohne es jedoch durch ein Anknüpfen an Jüdisches Kulturgut zu »manifestieren. Ihm gegenüber steht das Hirtenlied, ein Stück Volksgut, das nichts weiß von veränderlicher Zeitproblematik, sondern nur die Landschaft atmet, aus der es kommt, mehr Sinnliches, Sinnhaftes enthält als Bewußt-Geistiges. Es findet so eine Begegnung eines Künstlers, der an den größten Vorbildern Europas gewachsen ist, mit einer Schöpfung der mittelmeerischen Menschengruppe statt, der er sich immer schon ohne viel Aufhebens verpflichtet gefühlt hat. An dem Zusammentreffen dieser verschiedenen Kräfte, die doch beide aus dem so vielfältig durchgepflügten jüdischen Bereich kommen, können wir die Spannung zwischen den Standorten Diaspora und Palästina ermessen; gleichzeitig auch die allgemeinere, nicht minder wichtige Spannung von übervölkischem Zeitstil und dem Stil des in der Natur gewachsenen Volksmelos, der aus elementaren Gesichten der Masse entstanden ist. Uns kommt es darauf an zu erfahren, auf welchem Boden diese Begegnung der beiden Faktoren vor sich geht. Golclschmidt kennt „Hinne achal'lah bachalili", eins der wertvollsten neuen Lieder Erez Jisraels, von Werbekarten her, die der Keren Kajemeth durch. Rabinowitz hat herausgeben lassen. Andere Fassungen des Liedes — Paul Dessau, Jakob Schönberg haben sie benutzt — sind taktfreier, strömender: der Melodie des Hirten gleich, die aus tiefer Ruhe nächtens aufsteigt; die von Rabinowitz ist, — wenn auch nur in Kleinigkeiten abweichend — metrischer, idyllischer, ohne Dunkel und orphischen Hauch. Und gerade an diese helle, flüssige Fassung, die bezeichnenderweise den Titel „Flötenlied" trägt, hat sich Goldschmidt gehalten: er suchte Motorik, nicht Emotion, Gebundenes, nicht Entfaltetes. 407

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