Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Judäa und die Welt
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Judäa und die Welt ist das Volk in zahllose Gruppen, Parteien und Sekten gespalten. Die «möglichen Extreme — hier strenge Absonderung und dort Assimilation — liegen so weit auseinander, daß im Grunde jede Denkweise möglich ist. Denn außerdem besteht auf dem Land noch die Assimilation an die Grenzvölker, und manche abergläubisch-mythischen Vorstellungen sind auf diese Weise in das Volk eingedrungen. Immerhin geht eine scharfe Schnittlinie durch das Volk. Daß Esra und Nechemja seinerzeit gegen so viele Widerstände deH Tempelstaat Jerusalem schließlich doch auf die Thora geradezu eidlich verpflichten konnten, beruhte auf der jüdischen Gottesvorstellung, die sich in Babylonien immer fester konkretisiert hatte. Gott ist ein persönlicher Gott, der strafen und helfen kann. Die Galuth war die Strafe für den Abfall von seiner Lehre, der Thora. Kehrt das Volk um, so ist es der Hilfe Gottes wiederum gewiß. Umkehr aber bedeutet, sich sittlich zu läutern und der Thora treu zu bleiben. Dann wird Gott die alte Herrlichkeit Jerusalems wieder aufrichten und seinen Gesalbten senden. Das Volk lebt nun nach dem Gesetz, aber es geht ihm keineswegs so gut, wie man es wohl erhofft hatte. So löst sich ein Teil des Volkes immer mehr von der Welt ab und lauscht den Sehern, die nach einer großen Katastrophe die Ankunft des zweiten Messias — einer wird im Kampfe untergehen! — verkünden. Der andere Teil — wir können auch hier, ohne der Geschichte Gewalt anzutun, die Trennung Stadt—Land wiederum sehen — sieht die große weite Welt, und im Angesicht der großen Dinge, die fernab des kleinen armen Judäa vor sich gehen, sagt man: „Laßt uns Verbrüderung suchen mit den Völkern rings um uns her; allerlei Übel ist ja über uns gekommen, seitdem wir uns von ihnen absonderten!" Wenn wir die Situation soziologisch beschreiben wollen, so können wir sagen: das Priester- und Geldpatriziat in Jerusalem will die Absonderung Israels aufgeben und Anschluß an die Welt suchen, die ländlichen — und vielleicht auch städtischen — Kleinbürger leben in Erwartung der Erlösung, während der Mittelstand zwischen beiden Extremen einen Weg geht, der sich später im Pharisäertum durchsetzen wird. So geht am Vorabend der Erhebung ein tiefer Riß durch das« Volk: die hellenisierte Oberschicht sucht den wirtschaftlichen und kulturellen Anschluß an Syrien, in dem man eine unbedeutende Rolle spielt, während die in naiv-religiösen Vorstellungen befangene „Barbarenschicht" auf das Eingreifen Gottes in das Weltgeschehen wartet. Die Stadt verachtet das Land, weil es barbarisch ist, und das Land haßt die Stadt, die rücksichtslos ihren Interessen folgt und den Gott der Väter verläßt. 399