Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 398

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Judäa und die Welt
Date
1935-12-01
Page
398 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905534--08431-2905586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heinz Warschauer bei der Kleinheit des Landes kommt seiner Funktion als zentraler Kultstätte auch nicht mehr die Bedeutung zu, die es einst hatte. Immerhin gibt es vermögende Familien in der Stadt: die der Steuerpächter zum Beispiel, und auch das Priesterpatriziat. Aber ihr wirtschaftlicher Einfluß greift über Judäa hinaus. Denn das Land selbst, das von Ackerbau und Viehzucht lebt, ist arm. Die hellenistischen Fürsten gründen als Handels- und Kulturzentren Städte, die Knotenpunkte des Welthandels werden. In ihnen herrscht eine recht ausgedehnte bürgerliche Freiheit, die freilich nur Vollbürgern zuteil wird. Diese Städte, „poleis", sind das lockende Ziel der Auswanderer. Wenn man das Bürgerrecht erlangt hat, stehen alle Tore offen. Das jerusalemer Patriziat kann diesen Weg der Auswanderung aber nicht ohne weiteres beschreiten. Denn es ist zum großen Teil an das Kultzentrum Jerusalem gebunden, da sich auf seiner Stellung als Priesterschaft sein Reichtum gründet. So ergibt sich die Antinomie, einerseits in Jerusalem bleiben zu müssen, andererseits „polis" werden zu wollen, um weiterzukommen. Die Entwicklung, die in Jerusalem vor sich geht, entfremdet es immer stärker vom Lande. Ungeheure Abgaben — ein Drittel der Saatfrucht und die Hälfte der Baumfrucht! — gehen in die Stadt, und nicht alles wird dem König, dem diese Abgaben zustehen, ausgeliefert. Hinzukommt, daß bei Steuerverweigerung und anderen Unbotmäßigkeiten der Grund und Boden einfach eingezogen werden kann, und auch hier sind Unterschleife an der Tagesordnung. Josephus erzählt, allerdings aus einer früheren Epoche, folgende Episode: als der Sohn des jerusalemer Steuerpächters von Syrien — also ein Amt, das über Judäa hinausgriff! -— am ägyptischen Hofe speiste und einen Haufen abgenagter Knochen vor seinem Platz liegen hatte, sagte der Hofnarr zum König: „Siehst Du, o Herr, die vielen Knochen, die vor Hyrkan liegen? So wie er die Knochen vom Fleische entblößt hat, also hat sein Vater ganz Syrien geschunden!" Entstand so eine soziale Spannung zwischen Städtern und Bauern, so kam eine geistige Spannung noch hinzu, die schließlich dazu führte, daß Jerusalem und seine herrschende Klasse im Land verhaßt und verachtet war und sich nur mit Gewalt behaupten konnte. Der Bauer gilt beim Gebildeten jener Zeit nicht viel. Bildung ist im hellenistischen Zeitalter an die Stadt gebunden, während auf dem Land eben „Barbaren" leben. Kultur ist hier gleichzusetzen mit hellenistischer Bildung und Denkweise, während Barbarentum hier so viel bedeutet wie das Festhalten am herkömmlichen und freilich häufig naiven Judentum. Natürlich waren nicht alle Jerusalemer begeisterte HelleT nisten, und auf dem Land lebten nicht nur edle Juden. Vielmehr 398

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.