Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1935)
- Article
- Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik?
- Date
- 1935-12-01
- Page
- 395 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895548-2905533--08427-2905583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik? und des Moll in der morgenländischen Musik. Der sich meistens unter günstigeren Lebensbedingungen entwickelnde westeuropäische Mensch neigt gemäß den Anlagen seiner psychischen Konstitution zur Klarheit, Helle und Frische des Dur; der Orientale — auch der ihm innerlich verwandte Slawe Europas — ringt sich viel seltener zu einer gelösten, freudigen Haltung durch. Die düstere, hoffnungslose Melancholie orientalischer Klagelieder ist dagegen wieder dem Europäer fremd. Stark abweichende Stimmungen und Affekte dieser Art sind gewöhnlich das, was dem europäischen Hörer orientalischer Musik zuerst offenkundig wird. Ein Grundpfeiler europäischer Musik ist das auf zwölf gleichen Halbtönen aufgebaute „temperierte" System der Skala. Die orientalische, ebenso die exotische Musik bedient sich dieser vereinfachten Tonordnung nur in sehr begrenztem Umfange. Sie nimmt überwiegend eine differenziertere Aufteilung vor und gelangt damit zu Drittel-, Viertel-, Sechsteltönen. In der indischen Und in der arabischen Musiktheorie wird das Vierteltonsystem bevorzugt. Wer je orientalische Sänger und Instrumentalisten gehört hat, wird sich des Unterschiedes der Tonabstände gegenüber unserer im Rahmen des Halbtonsystems ausgeglichenen Skala bewußt geworden sein. Er vernimmt Klänge, die seinem an bestimmte Fortschreitungen gewöhnten Ohr „unrein" erscheinen. Der Versuch, diese seit mehr als zwei Jahrhunderten in das Bewußtsein des europäischen Menschen übergangene Temperierung durch Spalten der zwölfstufigen Tonreihe zu verdrängen oder im Sinne der orientalischen Theorie zu ergänzen, ist in neuerer Zeit mehrfach gemacht worden. Es sind Vierteltonkompositionen entstanden, für die man besondere Tasteninstrumente konstruiert hat, Sänger mußten ihren Kehlkopf auf Tonabstände einstellen, die ihrem europäisch geschulten Ohr fremd waren. Diese (vorzugsweise von dem Prager Tonsetzer Alois Haba geförderte) Bewegung ist wieder zum Stillstand gekommen, nachdem sie weder bei den Schaffenden noch im Musikpublikum Boden gewonnen hat Aus diesem mangelnden Widerhall in einer Zeit, die dem künstlerischen Experiment mit exotischem Tonmaterial an sich günstig ist, darf man den Schluß ziehen, daß die Grundlagen europäischer und orientalischer Musik — von allen stimmungs- und gefühlsmäßigen Momenten noch abgesehen — zu verschieden sind, um auf dem akustisch-mathematischen Wege enger miteinander verknüpft zu werden. Die durch schöpferische Genies entstandene Überlegenheit der europäischen Kunstmusik über die des Orients wirkt sich durch die steigende Erleichterung der Tonübermittlung mittels Rundfunks im Morgenlande zunehmend aus. In Japan, in Indien, in den Kulturzentren des nahen Orients ist die europäische Kunstmusik in schnellem Vordringen begriffen. 395