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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 396

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik?
Date
1935-12-01
Page
396 (sequence 6)
Language
German
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Artur Holde: Was unterscheidet orientalische von europäischer Musik? Dieser Sieg bedingt auch das Zurücktreten jener Gesangsmanier, die mit der orientalischen Kunstmusik unlöslich verbunden ist: die näselnde, gequetschte Vortragsweise, der Gebrauch des Falsetts galt bei vielen Völkern als die für künstlerische Zwecke einzig zulässige Form der Klanggebung, während der Gebrauch der Bruststimme, z. B. bei den Japanern, dem Volksgesang vorbehalten blieb. Noch von vielen anderen Kultur- und Halbkulturvölkern des Orients wird die Auffassung geteilt, daß die Benutzung der natürlichen Brüststimme im künstlerischen Gesang ausschaltet * Für ein jüdisches Tonschaffen gewinnt nun hohe Bedeutung die Frage: Lassen sich die Elemente europäischer Kunstmusik mit denen orientalischer Klangvorstellungen in engere Wesensbeziehungen bringen, als sie von europäischen Komponisten früher erreicht worden ist? Selbst in Werken etwa von Goldmark, Mahler, Sekles und anderen, deren Physiognomie durch morgenländisches Kolorit beeinflußt worden ist, bleibt die geistige und seelische Grundhaltung des Europäers unangetastet. Anders liegt die Situation bei den Tonsetzern, die, wie manche der aus Osteuropa stammenden jüngeren jüdischen Musiker, nicht Anpassung mit Hinblick auf ein einzelnes Werk anstreben, sondern die das Zentrum ihres Kunstgefühls bewußt in der Richtung einer nationalen Kunst verlagern. Für die aus slawischen Kulturkreisen — Rußland, Polen, Balkan — hervorgegangenen Komponisten ist der Übergang leichter als für die westeuropäischen. Slawische Musik steht an sich schon melodisch, rhythmisch und harmonisch in engerer Beziehung zur orientalischen. Dazu kommt bei diesen Tonsetzern die Kenntnis ostjüdischer, besonders chassidischer Volksmusik, die sich vielfach an orientalische Melodik anlehnt. So entstehen Brücken zwischen den beiden Stilkomplexen. Zu einer Verbindung, die eine neue, organische Einheit darstellt, wie sie Eraest Bloch unter Benutzung alten Materials versucht, wird es aber erst dann kommen, wenn Menschen, denen das Morgenland Heimat wurde und die wiederum das Klangleben Europas dank ihrer künstlerischen Erziehung in sich tragen, auf dem Kunstgut beider Kulturzonen weiterbauen. Erst wenn ein selbständiges jüdisches Geistesleben im eigenen Lande erblüht ist, wenn ferner das eigenwüchsige Volkslied und alte Kultmusik in das Gefühlsleben der Schaffenden hineinklingt, wenn außerdem die hebräische Sprache Voraussetzung für die gedankliche Substanz geworden ist, erst dann sind die Voraussetzungen einer originalen jüdischen Tonkunst gegeben. Ihre geographisch und kulturell bedingte Mission wird es vielleicht sein, einen neuen Stil auszuformen, der die große Synthese zwischen Okzident und Orient vollzieht. 396

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